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Grossherzog-Friedrich-Str. 9: Familie Wertheimer

Biografie von Hans, Leopold und Melanie Wertheimer

Großherzog-Friedrich-Straße 9: Familie Wertheimer
Leopold Wertheimer wurde am 7. Dezember 1875 in Bodersweier geboren. Seine Eltern waren Zall Wertheimer und Esther Rotschild. Melanie Bodenheimer wurde am 11. Mai 1889 in Kehl geboren. Ihre Eltern waren Abraham Bodenheimer aus Rheinbischofsheim und Regina Wertheimer aus Bodersweier.
Am 15. Mai 1911 heirateten Leopold und Melanie in Kehl. In den Jahren 1912 und 1920 kamen ihre beiden Söhne Paul und Hans zur Welt.
Leopold Wertheimer hatte in Kork die Höhere Bürgerschule besucht und sich anschließend in Kehl einer kaufmännischen Ausbildung unterzogen. Ab 1918 betrieb er hier einen gut gehenden Schlachtviehhandel und galt als angesehener Bürger. Besonders engagierte er sich in der Jüdischen Gemeinde Kehl, deren Vorsitzender er im Jahr 1932 war.
Die Entziehung der Viehhandelserlaubnis durch die nationalsozialistischen Behörden im Jahr 1935 traf ihn schwer, denn er musste daraufhin sein Geschäft aufgeben.
Sohn Paul hatte Kehl schon 1931 verlassen und sich in Paris als Viehhändler niedergelassen. Nach späterer Aussage seiner Mutter wurde dem zweiten Sohn Hans an der Oberrealschule in Kehl der Zugang zum Abitur verwehrt, so dass er ab 1934 in Remiremont (Frankreich) zur Schule ging.
Am 25. Januar 1937 wanderten auch die Eltern nach Frankreich aus. Paul nahm seine Familie auf, die beiden Brüder sorgten für die Eltern. Hans Wertheimer fand eine Beschäftigung beim Bankhaus Fred S. Bodenheimer in Paris. Er war dort zunächst als Volontär, ab 1938 als Angestellter tätig.
Am 15. Mai 1940 wurde Melanie Wertheimer als „feindliche Ausländerin“ verhaftet und im Vélodrome d’Hiver in Paris interniert. Anschließend wurde sie ins Internierungslager Gurs verbracht, wo nach der Deportation vom 22. Oktober 1940 auch mehr als 6500 Jüdinnen und Juden aus Baden und der Saarpfalz eingepfercht wurden. Es herrschten äußerst schlechte hygienische Verhältnisse, wie Melanie Wertheimer später berichtete. Sie selbst erkrankte kurze Zeit nach ihrer Ankunft, wurde dann aber im Juni 1940 wieder entlassen.
Auch Leopold Wertheimer war verhaftet und etwa einen Monat in einem anderen südfranzösischen Lager interniert worden. Das Paar traf sich in Tarbes wieder. Es kehrte nicht nach Paris zurück, sondern ließ sich in Lyon in der unbesetzten Zone Frankreichs nieder. Als auch Südfrankreich 1942 von den Deutschen besetzt wurde, tauchten die Wertheimers unter und hielten sich bis zur Befreiung Anfang September 1944 in einer Privatwohnung unter dem Phantomnamen Weber in Lyon versteckt. Hier überlebten Leopold und Melanie die Zeit der Verfolgung. Auch Sohn Paul lebte zwei Jahre lang versteckt in Lyon.
Sohn Hans Wertheimer war in Aix-les-Bains mit dem falschem Namen René Mallet und gefälschen Papieren untergetaucht. Am 21. März 1944 wurde er dort auf der Straße von der Gestapo verhaftet und zum Kommissariat gebracht, wo seine Papiere überprüft werden sollten. Er versuchte zu fliehen und wurde dabei von der Gestapo erschossen.
Nach der Befreiung Frankreichs 1944 lebten die Wertheimers zunächst weiter im Raum Lyon. Sohn Paul Wertheimer betrieb hier einen Viehhandel. Sein Vater Leopold Wertheimer starb am 18. Januar 1955 in Écully-sur-Rhône. Danach zog die Mutter zu Paul, der inzwischen wieder in Paris wohnte.
Aus der „Wiedergutmachungs“-Akte im Staatsarchiv Freiburg geht hervor, dass Melanie Wertheimer durch die Ereignisse in der Zeit der Verfolgung schwer traumatisiert und auch in körperlicher Hinsicht gesundheitlich geschädigt war. Besonders der Tod des jüngeren Sohnes Hans lastete erheblich auf ihr. Ihre Arbeitsfähigkeit war sehr gemindert.
Doch der Umgang mit ihr durch das Landesamt für Wiedergutmachung Freiburg muss ein weiterer Schlag gewesen sein. Die Argumente in den gut begründeten ärztlichen Attesten wurden zwar akzeptiert, eine Entschädigung wurde ihr trotzdem versagt. Diese stehe ihr nur zu, wenn sie unter „menschenunwürdigen Bedingungen in der Illegalität“ gelebt hätte. Trotz der „ausgestandenen Furcht“ sei dies nicht „hinreichend nachgewiesen“.
Melanie Wertheimer starb am 16. Juli 1969 in Limours bei Paris.

Arbeitskreis „27. Januar“ Kehl

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