Biografie von Wolfgang Thume
Engelsdorfer Str. 112 (ehem. Hauptstraße 1 in Mölkau) - Haltestelle
Wolfgang Fritz Thume
Bereits bei seiner Geburt am 8. Dezember 1929 stand fest, dass Wolfgang anders war. Er war geistig behindert und linksseitig spastisch gelähmt. Als Sohn des Arbeiters Alfred Emil Thume und der Hausfrau Bertha Thekla wurde er wenige Monate später in Mölkau evangelisch-lutherisch getauft, wo er von 1929 bis 1937 mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder in der Hauptstraße 1 wohnte.
Wolfgang konnte nie eine Schule besuchen, da er aufgrund seiner Behinderung nicht in der Lage war zu laufen oder zu sprechen. Die Pflege des Sohnes war eine schwere Aufgabe für die Eltern, vor allem für die Mutter. In der Zeit ab 1934 ereilten die Familie noch weitere Schicksalsschläge. Die Mutter wurde 1934 zwangssterilisiert und auch den Vater traf trotz eines mehrjährigen Einspruchsverfahrens 1937 dieses Schicksal. In beiden Fällen fand das sogenannte ,,Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" seine Anwendung.
Die Pflege wurde immer anspruchsvoller. Die Mutter war ständig an das Bett des Jungen gebunden. Es gab Schwierigkeiten dem Jungen Nahrung zuzuführen, weil er ein besonders empfindliches Verdauungssystem aufwies. Deshalb wurde er lediglich mit für Kleinkinder vorgesehener Nahrung versorgt. Laut Akten bemühte sich der Vater um die Aufnahme seines Sohnes in ein Pflegeheim. Von offizieller Seite stellte am 10.11.1937 der Bürgermeister von Mölkau einen Aufnahmeantrag an die Sächsische Heil- und Pflegeanstalt Großhennersdorf. Die menschenverachtende Politik des Nationalsozialismus gegenüber behinderten Menschen zeigt das Gutachten des Leiters des staatlichen Gesundheitsamtes vom 11.10.1937: "Als menschliches Wesen kann das Kind kaum bezeichnet werden. […] Ich empfehle, das Kind in einer Anstalt unterzubringen, schon um den Anblick dieses Wesen den Angehörigen sowie der Öffentlichkeit zu entziehen."
Am 28.12.1937 wurde Wolfgang schließlich durch seine Mutter und die Gemeindeschwester Margarethe Hilbert nach Großhennersdorf gebracht. Sein Zustand wurde laut Aufnahmeprotokoll wie folgt dargestellt: "Körperbau kräftig und Ernährungszustand verhältnismäßig gut".
Wolfgang Thume verbrachte die folgenden drei Jahre im Katharinenhof Großhennersdorf. Es gab einen regelmäßigen Schriftverkehr ab 15. Januar 1938 zwischen Heim und seinen Eltern. Seine Mutter schrieb ihm regelmäßig Briefe, in denen sie sich nach seinem Wohlbefinden erkundigte. Außerdem schickte Bertha Päckchen mit Essen und Kleidung an ihr ,,Wölfchen", wie sie ihn liebevoll nannte. Sie besuchte ihn auch, so oft sie konnte - letztmalig am 19.09.1940.
Das Heim gab den Eltern regelmäßig Auskunft über den Gesundheitszustand ihres Sohnes. Noch 1939 gab es eine positive Gesamteinschätzung: "Er ist nicht nur passiv, sondern hat im Rahmen seiner Möglichkeiten gehandelt. […] Auch hat er sich gut der neuen Umgebung angepasst. Er sitzt vergnügt in seinem Bettchen bzw. beobachtet seine Umgebung mit großem Interesse.".
Laut Schreiben der Anstaltsleitung an den Landrat des Kreises Sachsen vom 01.08.1940 sollte Wolfgang schon am 06.08.1940 in die neu eingerichtete Zweigstation des Katharinenhofes in Kleinwachau verlegt werden. Zu diesem Zeitpunkt hatten sämtliche Heime in Deutschland schon die berüchtigten Meldebögen ausfüllen müssen, welche dann nach Berlin gesandt und im Auftrag der T-4 Zentrale von drei Gutachtern beurteilt wurden.
Am 12.11.1940 wurden elf Kinder aus Kleinwachau in die Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz verlegt. In diesem Transport wird Wolfgang dabei gewesen sein.
Bei seiner Aufnahme in der Landesanstalt war sein Gesundheitszustand zufriedenstellend. Dieser verschlechterte sich aber im folgenden Monat. In einem Schreiben des Anstaltsdirektors vom 20.12.1940 an Wolfgangs Mutter beschreibt er, dass ihr Sohn aufgrund eines Kräfteverfalls in Lebensgefahr schwebe. In der Nacht zum 21.12.1940, um 3.45 Uhr, kam Wolfgang Thume im Alter von 11 Jahren ums Leben. Die Beerdigung erfolgte vier Tage später, an Weihnachten 1940 auf dem Gelände der Anstalt.
Heute ist bekannt, dass in Großschweidnitz - die Todesrate lag bei ca. 90% - mit Schlafmitteln gezielt gemordet wurde. Bereits Ende 1940 fielen zahlreiche Kinder der sogenannten "Trional"-Kur zum Opfer. Bei einer höheren Dosierung führte die Einnahme zu gesundheitlichen Komplikationen, die nach einigen Tagen den Tod verursachten. In Verbindung mit einer einsetzenden systematischen Unterernährung durch fettlose Kost führte dies in der Regel zum Tod als "natürliche" akute Lungenentzündung oder Bronchitis.
Die zur Tarnung angegebene Todesursache bei Wolfgang war die Folge einer "Brustfellentzündung".
Patenschaft: Antonia Richter, Josefine Kappe (Gymnasium Engelsdorf)
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