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Familie Blumenthal

Biografie von Ruth, Walter, Max und Zerline Blumenthal

Leben in Hoya
Die Familie Blumenthal hatte sich in Hoya aufgrund ihres Geschäfts einen Namen gemacht und war auch gesellschaftlich gut eingebunden.
Im Jahr 1854 wurde Max Blumenthal geboren, 1894 übernahm er das Geschäft „A. Feist“ in der Lange Straße 10. Dieses lief gut und war auch außerhalb von Hoya beliebt. Mit seiner Frau Zerline bekam Max Blumenthal am 19. November 1896 seinen Sohn Walter. Dieser heiratete im Dezember 1931 die Angestellte seines Vaters, Ruth Moses. Das Geschäft befand sich im Erdgeschoss des Hauses, in der ersten Etage wohnte Max mit seiner Frau Zerline, darüber deren Sohn Walter mit dessen Frau Ruth und später auch den Kindern. Am 11. Oktober 1932 wurde ihr Sohn Albert geboren. Den Blumenthals war die Familie sehr wichtig, weshalb sie jeden Abend gemeinsam aßen. Die Familie gehörte zur kleinen jüdischen Gemeinde in Hoya. Max Blumenthal war langjähriges Mitglied im Hoyaer Schützenverein und kämpfte im 1. Weltkrieg freiwillig vier Jahre für Deutschland.
Ab dem 1. April 1933 durften die Leute aufgrund eines Boykotts nicht mehr bei Juden einkaufen. Das Geschäft der Blumenthals lief daraufhin immer schlechter. Um trotzdem Geld zu verdienen, kaufte Walter Blumenthal ein Auto und lieferte die Waren an seine Kunden. Denn diese sollten nicht im Geschäft gesehen werden.
Bezüglich Hitlers gab es in der Familie gespaltene Meinungen. Während die Älteren, Max und Zerline, glaubten, Hitler würde nicht lange an der Macht bleiben, dachten ihr Sohn und ihre Schwiegertochter anders: Sie waren besorgt und fühlten sich in Hoya zunehmend unsicher. Aufgrund der krankheitsbedingten Schwäche von Max und Zerline entschieden sich allerdings auch Walter und Ruth dazu, vorerst in Hoya zu bleiben. Am 20. Dezember 1934 wurde ihre Tochter Marion Blumenthal geboren.

Leben in Hannover
Anfang 1938 starb zuerst Zerline und einige Wochen später auch Max. Dadurch hatte die Familie keinen Grund mehr, in Hoya zu bleiben. Mit den Gedanken stets bei Max und Zerline, zogen Walter, Ruth und die Kinder nach Hannover um. Ihr Plan war es von nun an, in die USA auszuwandern, wo bereits Walters Schwester lebte. Das Haus in Hoya mit einem Großteil des Haushalts der Blumenthals wurde pflichtversteigert, jedoch deutlich unter Wert. Im September 1938 wurde die Familie auf die Auswanderungsliste für die USA gesetzt. Allerdings konnte es länger als ein Jahr dauern, bis sie ein Visum erhalten würden.
Am 10. November, zwei Tage nach einem von einem Juden verübten Anschlag auf einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris, kamen Männer der Gestapo zur Wohnung der Familie und konfiszierten das Auto, Walter wurde verhaftet. Da die Familie anfangs nicht wusste, wohin er gebracht wurde, lebte sie tagelang in großer Sorge. Nach elf Tagen im KZ Buchenwald wurde Walter dann jedoch entlassen.

Flucht in die Niederlande
Am 25. Januar 1939 brachen Ruth und Walter zusammen mit ihren Kindern in die Niederlande auf. Dort erhofften sie sich ein sicheres Leben. Die vier lebten zunächst in vielen verschiedenen Flüchtlingslagern, wodurch die Familie zeitweise getrennt war. Dies war für Marion und Albert, die gerade einmal acht und zehn Jahre alt waren, eine von großer Angst geprägte Zeit. Dies änderte sich erst Ende 1939, als die Familie ins Lager Westerbork umzog. In diesem Lager konnte jede Familie in einer abgeschlossenen Wohneinheit leben. Zudem wurde Schulunterricht angeboten, an dem auch Albert und Marion teilnahmen.
Im Januar 1940 erhielten die Blumenthals dann die langersehnten Visa, wodurch eine Schiffsüberfahrt in die USA für März geplant werden konnte. Die dadurch entstandene freudige Stimmung wurde jedoch schnell getrübt, als aufgrund der hohen Nachfrage die Überfahrt in den Juni 1940 verschoben wurde. Die Familie befürchtete, dass die Niederlande bis dahin von deutschen Truppen angegriffen würden, sodass eine Überfahrt in die USA unmöglich wäre. Diese Sorge wurde am 10. Mai 1940 Realität, als mehrere niederländische Städte durch Luftangriffe bombardiert und alle Überfahrten in die USA gestrichen wurden. Die Blumenthals mussten in Westerbork bleiben.
Nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen wurde am 1. Juli 1942 auch das Lager Westerbork von deutschen Polizisten und SS-Soldaten überwacht. Von nun an war es nicht mehr erlaubt, das Lager zu verlassen, sodass aus den Flüchtlingen Gefangene wurden. Seit der Besetzung verließ jede Woche ein Zug aus Viehwaggons das Lager Westerbork. Darin saßen unzählige Menschen, jedoch wusste niemand, wohin sie gebracht wurden, denn man hörte nie wieder etwas von ihnen. Bei den Blumenthals sorgte dies für großes Misstrauen, weshalb Ruth und Walter nach einer Möglichkeit suchten, nicht eines Tages mit ihren Kindern in einen der Züge einsteigen zu müssen. Die Familie plante, nach Palästina auszuwandern. Es hieß, die Familie müsste dafür zunächst mit einem Zug in das Konzentrationslager Bergen-Belsen fahren, von wo aus dann die Reise nach Palästina starten würde.

KZ Bergen-Belsen und die Zugfahrt ins Ungewisse
Der 1. Februar 1944 war dann der Tag, an dem die Blumenthals Westerbork verließen und die Fahrt nach Bergen-Belsen begann. Dort angekommen wurde die Familie nach Geschlecht getrennt im Sternlager untergebracht. Ihr Aufenthalt dort war jedoch nicht wie erwartet ein kleiner Zwischenstopp, stattdessen blieb die Familie über ein Jahr im Konzentrationslager. Die Menschen hatten dort mit Enge, Nahrungsknappheit und Krankheiten zu kämpfen. Am 10. April 1945 wurden die Blumenthals, wie viele andere zuvor, in einem Zug weggebracht. Dieser wurde am 23. April durch die Rote Armee befreit. Zu diesem Zeitpunkt war Marion 10 Jahre alt und wog gerade mal 18 kg, sie war also deutlich unterernährt. Während eines kurzen Aufenthalts in einem kleinen Dorf zwischen Berlin und Dresden starb am 7. Juni 1945 Walter Blumenthal an Fleckfieber, welches in dieser Zeit aufgrund fehlender Behandlungsmöglichkeiten zu einer Epidemie geführt hatte. Trotz der Trauer um den Vater bzw. Ehemann der Familie begannen Ruth, Albert und Marion ihren Rückweg in die Niederlande.

Auswanderung in die USA
Nachdem die Familie bereits 1938 das Geld für die Reise in die USA bezahlt hatte, konnten die Blumenthals zehn Jahre später mit dem Schiff in die USA fahren. Am 23. April 1948 kamen sie im Hafen von New York an. Dort lebten sie zuerst bei der Schwester von Walter Blumenthal. Im Juni 1948 zog Ruth mit den zwei Kindern nach Peoria in den Bundesstaat Illinois um. Zwar gab es dort eine jüdische Gemeinde, trotzdem waren sie von ihren Freunden und Verwandten getrennt. Um Geld zu verdienen, arbeitete der 16-jährige Albert beim Juwelier. Die 13-jährige Marion arbeitete in einer Wäscherei und Mutter Ruth war als Haushaltshilfe bei einer reichen Familie tätig. Die Blumenthals wurden von der jüdischen Gemeinde in Peoria unterstützt und bekamen eine mietfreie Wohnung gestellt. Ab September desselben Jahres gingen Marion und Albert wieder zur Schule, dies gestaltete sich allerdings auf Grund mangelnder Englischkenntnisse nicht einfach. Ruth begann als Näherin zu arbeiten und Marion übernahm einen zusätzlichen Job als Babysitterin. Nun konnten sie ihre eigene Wohnung finanzieren. Im Laufe der Jahre waren Marion und ihr Bruder Albert gut in das gesellschaftliche Leben in Peoria integriert. Sie leiteten zum Beispiel eine jüdische Jugendgruppe.

Marions Leben in den USA
• 1951: Marion lernt mit 16 Jahren den 19-jährigen Nathaniel Lazan in einer Synagoge kennen
• 1953: High-School-Abschluss
• 2. August 1953: Marion und Nathaniel heiraten in New York
• 1955: erster Sohn David Walter wird geboren
• 1957: Tochter Susan kommt zur Welt
• 1960: Sohn Michael kommt zur Welt
• Marion und Nathaniel leben mittlerweile in Hewlett, in der Nähe von New York
• 1995: anlässlich einer Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Befreiung der Menschen im Konzentrationslagers Bergen-Belsen reist sie das erste Mal wieder nach Deutschland, besucht mit Mann und Kindern Gedenkstätten Westerbrock, Bergen-Belsen, außerdem die Städte Hoya und Tröbitz
• 2010: seit 2017 trägt die OBS in Hoya den Namen „Marion-Blumenthal-Oberschule Hoya“
• 16. Januar 2017: Ersterscheinung ihres Buches „Vier Kieselsteine“

Alberts Leben in den USA
Albert Blumenthal heiratete Diane und zog mit ihr nach Atherton in den Bundesstaat Kalifornien. Dort arbeitete er als Finanzberater. Als erstes Mitglied der Familie Blumenthal war er 1958 aufgrund seines Militärdienstes in Deutschland und besuchte dort seine Geburtsstadt Hoya. Weitere Besuche fanden in den Jahren 1983 und 1993 statt.

Ruths Leben in den USA
Sie hat noch weitere drei Male geheiratet. Im Jahr 1956 zog sie aus Peoria fort und lebte lange Zeit in San Francisco. Mit 82 Jahren zog sie dann wieder in die Nähe ihrer Tochter Marion. Schließlich starb sie am 27. Dezember 2012 im Alter von 104 Jahren.

Rückblick von Marion Blumenthal auf ihre Erlebnisse in der NS-Zeit
Die Vorstellungskraft und ihr Glaube haben Marion Blumenthal Lazan die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus überleben lassen. Ihr Ziel ist es, „das Grauen weiterzugeben“, welches sie erlebt hat. Denn man soll verstehen, wie schlimm es früher war. Für Marion ist es zwar schwer, über ihre Kindheit zu sprechen, aber es ist ihr trotzdem wichtig, dies zu tun. Irgendwann ist sie als Zeitzeugin nicht mehr da und dann möchte sie, dass man ihre Geschichte weitererzählt. Heutzutage denkt sie manchmal an das Leid und die Toten, die sie als Kind gesehen hat, wie an einen schlechten Traum. Sie kann es noch immer kaum glauben, dass Menschen die Qualen des Nationalsozialismus überlebt haben. Abgelenkt hat sich Marion Blumenthal durch selbst erfundene Spiele. Eines davon liefert nun den Titel für die neue Publikation „Vier Kieselsteine – die Geschichte der Familie Blumenthal aus Hoya“. Diese Kiesel symbolisieren die Familienmitglieder. Marion führt Jugendlichen nun vor Augen, dass sie Respekt, Achtung und Liebe füreinander aufbringen sollten. Wir alle haben zwar keine Kontrolle über das Weltgeschehen, aber über unser eigenes Verhalten. Marion meint, man soll nie blind einer Forderung folgen. Plastisch erzählt sie von sich, ihren Leiden, Ängsten, aber auch von ihren Hoffnungen und Wünschen. Sie klagt nicht, sondern fordert uns auf, auf unsere Mitmenschen zu achten, Minderheiten zu schützen. Und außerdem auch diejenigen zu akzeptieren, die nicht wie wir sind und die wir vielleicht nicht verstehen. Sie will aufklären, helfen und verhindern, dass sich Menschen mit Vorurteilen und Hass begegnen.

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Quellen & Impressum

Johann-Beckmann-Gymnasium

Johann-Beckmann-Gymnasium Hoya
Schulleiter: Herr OStD Dr. Meyer
Schuljahr 2014/15, Klasse 8A,
Schuljahr 2021/22, Klasse 10B,
Ansprechpartner: Maik Landsmann, Frauke Litzkuhn

Auf dem Kuhkamp 1
27318 Hoya

Telefon: 04251 / 672981-0
Telefax: 04251 / 672981-57
Email: sekretariat@jbg-schule.de

in Zusammenarbeit mit der Interessengemeinschaft Synagoge Hoya erstellt