Biografie von Julius Engelhardt
Buschwiesenweg 13
Julius Engelhard. Drucker, Kurier und Organisator der Zeugen Jehovas
(Veröffentlicht in: M. Bosch/W. Niess (Hrsg.), Der Widerstand im deutschen Südwesten gegen das NS-Regime 1933 - 1945, Stuttgart 1984, S. 94-103, dort mit Quellen- und Literaturangaben)
Die Verhaftung
Am Vormittag des 3. April 1943 verließ Julius Engelhard das Haus Beckstr. 42 in Oberhausen-Sterkrade. Bei sich trug er eine alte Aktentasche und ein verschnürtes Paket. Er fuhr zum Hauptbahnhof nach Duisburg, wo er die von ihm hergestellten illegalen Schriften der Zeugen Jehovas einem Glaubensbruder übergab, der für ihre weitere Verteilung verantwortlich war. Bei den regelmäßigen Treffen besprachen die beiden Männer auch immer die weitere Tätigkeit, und Engelhard erhielt Matrizen oder Texte für die folgenden Ausgaben des "Wachtturm" und andere Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas. An diesem Morgen beherrschte allerdings die Sorge das Gespräch, durch die Polizei entdeckt zu werden, denn kurz zuvor war eine Essener Gruppe der Zeugen Jehovas entdeckt worden.
Gegen 21 Uhr am Abend desselben Tages, nachdem er wie gewöhnlich bei anderen Glaubensgeschwistern den Einbruch der Dunkelheit abgewartet hatte, kehrte Engelhard in sein illegales Quartier in der Wohnung der Familie B. zurück. Dort erwarteten ihn zwei Polizeibeamte der Gestapo-Außendienststelle Essen, die ihn aufgrund eines Haftbefehls vom 24. Oktober 1939, ausgestellt von der Gestapo Karlsruhe wegen Betätigung für die verbotene Vereinigung der Ernsten Bibelforscher, verhafteten. Die Polizei stellte dabei neben einer Schreibmaschine, Papier und anderen Materialien zur Herstellung der Schriften der Zeugen Jehovas etwa 1000 Exemplare des "Wachtturm" sicher sowie 500 Exemplare anderer Schriften wie z. B. die Mitteilungsblätter "An alle treuen Zeugen Jehovas in Deutschland", "Faschismus oder Freiheit", "Verschwörung gegen die Demokratie", "Gott und der Staat" und auch die Dokumentation "Fürchtet Euch nicht", in der Briefe inhaftierter und hingerichteter Bibelforscher wiedergegeben waren. Außerdem wurde ein Geldbetrag von 1.740,- Mark gefunden, und weitere etwa 500,- Mark, die Engelhard bei sich trug, wurden ebenfalls einbehalten.
Die erkennungsdienstlichen Fotographien von Engelhard, die den Gestapo-Akten beiliegen, verraten wenig über den Charakter dieses Mannes, über seinen Glaubensmut und auch über die Standhaftigkeit, mit der er in den Verhören durch die Gestapo seine noch nicht entdeckten Glaubensgenossen und die Organisation zu schützen versuchte. Sie zeigen das eher breite und etwas derbe Gesicht eines Mannes mit ausgeprägter Stirnglatze. Mit den der Zeit entsprechend über den Ohren und am Hinterkopf sehr hoch geschnittenen schütteren Haaren wirkt er von harter Arbeit gezeichnet und verhärmt. Zugleich spricht aus dem Gesichtsausdruck eine zwar etwas maskenhafte, angesichts der Situation, in der die Fotos entstanden, aber dennoch erstaunliche Gefasstheit.
Mit der Verhaftung ging für den am 5. Juni 1899 in Au am Rhein zwischen Karlsruhe und Rastatt geborenen Dachdecker Julius Engelhard, der verheiratet war und fünf Kinder hatte, ein dreieinhalb Jahre dauerndes Leben im Untergrund zu Ende. Während dieser Zeit hatte er keinerlei Kontakt zu seiner Familie, lebte von der Unterstützung der Zeugen Jehovas, übernachtete in illegalen Quartieren bei Glaubensbrüdern und arbeitete hart für die Herstellung und Verteilung der Schriften sowie für die Weiterführung der Organisation der Bibelforscher in Deutschland. Mit Engelhard verloren die Zeugen Jehovas ihren Drucker, Kurier und zuletzt auch Organisator, dessen besondere Tätigkeit 1939 in Karlsruhe begann und der auch nach seiner Flucht aus Karlsruhe für den deutschen Südwesten herausragende Bedeutung behielt.
Beweggründe für das Bekenntnis zur Lehre der Zeugen Jehovas
Die Sekte der Zeugen Jehovas wurde 1870 in den USA gegründet. Seit 1916 leitete "Richter" James Rutherford die straff organisierte und zentral gesteuerte Internationale Bibelforscher-Vereinigung (IBV) von der Zentrale in Brooklyn/New York aus. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg registrierte man ihr Auftreten auch in Deutschland. Eine der ersten Gruppen der IBV scheint sich schon 1903 in Freiburg gebildet zu haben, weitere folgten in Kehl und Mannheim. Eine größere Anhängerschaft konnte die Sekte jedoch erst nach 1918 mobilisieren. Die Erlebnisse des Weltkrieges, die Zeit der Inflation und die tiefgreifende Wirtschaftskrise seit dem Ende der 20er Jahre bewirkten vor allem bei ärmeren und vom Leben enttäuschten Menschen eine stärkere Hinwendung zu den Sekten. Deren Attraktivität resultierte wohl hauptsächlich aus der Verkündigung der Erlösung und der Prophezeiung des nahen Weltendes.
In Baden verzeichnet die Statistik für das Jahr 1925 601 Anhänger der Zeugen Jehovas. Die größten Gemeinschaften befanden sich in Freiburg, Karlsruhe und Pforzheim. Bis zum Jahr 1933 dürfte sich die Mitgliederzahl nicht unbeträchtlich erhöht haben. Die Volkszählung vom 16. Juni 1933 gibt darüber jedoch keine Auskunft. Angesichts des kurz zuvor erlassenen Verbots der Sekte wagten "nur" 94 badische Zeugen Jehovas, ihren Glauben offen zu bekennen.
Sowohl die statistischen Daten für Baden als auch eine Auswertung der für die Mannheimer Zeugen Jehovas vorhandenen biographischen Daten bestätigen die Feststellung, dass es sich bei der Lehre der Bibelforscher um eine "Arme-Leute-Religion" handelte. Der Anteil von Invaliden, Rentnern, Hausfrauen, Arbeitslosen und einfachen Arbeitern lag deutlich über den Durchschnittswerten der Gesamtbevölkerung. Von den arbeitsfähigen Mannheimer Zeugen Jehovas z. B. waren 1933 36 Prozent arbeitslos.
Der Lebenslauf Julius Engelhards bis zu seinem Austritt aus der katholischen Kirche und seinem Bekenntnis zur Lehre der IBV im Jahre 1930 erscheint in vielen Belangen exemplarisch für einen Großteil der männlichen Zeugen Jehovas. Im Jahre 1899 geboren, gehörte er zu der Generation, die die deutsche Oberste Heeresleitung noch in jugendlichem Alter im Ersten Weltkrieg an die Front schickte. Die Volksschule verließ der von seinen Eltern im katholischen Glauben erzogene Engelhard im Jahre 1913 nach guten Leistungen während der Schulzeit. Eine kaufmännische Lehre musste wegen der kriegsbedingten Schließung der Lehrfirma abgebrochen werden. Nach über zweijährigem Sanitätsdienst beim Roten Kreuz in Rastatt, wohin die Familie inzwischen umgezogen war, erhielt er als gerade 18jähriger im Juni 1917 seine Einberufung zum 109. Grenadierregiment nach Karlsruhe. Mit diesem erfolgte die Teilnahme an den verlustreichen Offensiven des deutschen Heeres im März und Mal 1918 an der Westfront. Im Jahre 1919, im Alter von 20 Jahren aus dem Militärdienst entlassen, besaß er zwar das Verdienstkreuz des Roten Kreuzes, das Verwundetenabzeichen und ein Eisernes Kreuz Il. Klasse, aber keine abgeschlossene Berufsausbildung. Es folgten Versuche, in verschiedenen Berufen Fuß zu fassen, u. a. auch als selbständiger Gewerbetreibender, die im April 1930 mit einer vier Jahre andauernden Arbeitslosigkeit endeten. Bis zum Jahre 1930 hat Engelhard aus Rücksicht auf seine katholischen Eltern und seine katholische Ehefrau - er hatte im Dezember 1928 geheiratet - den Austritt aus der katholischen Kirche nicht vollzogen. Dass er dies 1930, als er arbeitslos wurde, tat, macht den Zusammenhang von religiöser Radikalisierung und wirtschaftlicher Notlage augenscheinlich.
Zur Konfrontation zwischen Zeugen Jehovas und Nationalsozialisten
Befragt zu seiner Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus gab Engelhard bei seiner ersten Vernehmung den Gestapo-Beamten Antworten, wie sie jeder überzeugte Anhänger der Zeugen Jehovas gegeben hätte. In ihnen wird verständlich, worin der Widerspruch zwischen den Bibelforschern und dem Nationalsozialismus beruhte.
Unter Hinweis auf das Bibelwort "Wer ein Freund dieser Welt ist, ist ein Feind Gottes" erklärte Engelhard, er könne nicht Mitglied der NSDAP sein. In der NS-Volkswohlfahrt sehe er die Gliederung einer Partei, "die ich aus meiner christlichen Lebensauffassung heraus ablehne". Den Gruß "Heil Hitler" könne er nicht anwenden, da das Heil allein von Gott komme. Am Wehrdienst könne er weder im Krieg noch im Frieden teilnehmen, denn das fünfte Gebot heiße: "Du sollst nicht töten." Außerdem müsste er als Soldat einen Eid auf den Führer leisten, was unmöglich sei, da er seinem "Gott die Treue gelobt habe, und ... letzten Endes nicht zwei Herren dienen" könne.
Diese Verweigerungshaltung der Bibelforscher gegenüber dem Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus konnte von den Machthabern selbstverständlich nicht toleriert werden. Nationalsozialisten wie Bibelforscher folgten einer autoritär geprägten Doktrin, die ihre Anhänger jeweils in eine strenge Herrschaftshierarchie - einerseits den "Führerstaat", andererseits die "Theokratie" Jehovas - einspannte. Beide vertraten einen Anspruch auf Ausschließlichkeit, so dass der Konflikt unvermeidlich war. Dabei stand freilich die geringe Zahl der Sektenmitglieder, die 1933 etwa 20 000 betrug, in einem absurden Missverhältnis zu den Verfolgungen, denen sie ausgesetzt waren. Die provozierende Radikalität des Standpunktes der Zeugen Jehovas stand andererseits in einem folgenschweren Missverhältnis zu den äußeren Möglichkeiten der Sekte, sich unter den veränderten Machtverhältnissen zu behaupten. Als Vereinigungen, die den allgemeinen Bestimmungen des BGB unterworfen waren, mussten sie sich auf in- und ausländische Spenden stützen und waren gegenüber staatlichen Einschränkungen auch finanziell äußerst verwundbar. Auf Solidarisierung seitens der Kirchen konnten sie wegen ihrer orthodoxen Ablehnung anderer kirchlicher und biblischer Weltbilder nicht rechnen. Auch der internationale Rahmen ihres Wirkens erleichterte den faschistischen Gegnern das Geschäft der Verdächtigung und Verfolgung. So wurde den Zeugen Jehovas, auch in der Begründung des Gerichtsurteils gegen Engelhard, vorgeworfen, sie seien kommunistenfreundlich und Wegbereiter der jüdisch-bolschewistischen Weltrevolution.
Die Konfrontation zwischen Nationalsozialisten und Bibelforschern war durch gelegentliche Hetze der Nationalsozialisten in der Weimarer Republik schon angebahnt worden. Bereits 1933 verboten dann mehrere Landesregierungen, darunter die badische am 15. Mai. die Organisation der Wachtturm-, Bibel- und Traktatgesellschaft und verbanden damit eine Vermögensbeschlagnahme. Zwar gelang es, mit Hilfe der amerikanischen Regierung das Sektenvermögen 1934 wieder freizubekommen und die Erlaubnis für den Druck von Bibeln und unbedenklichen Schriften zu erhalten, die Lehr- und Versammlungstätigkeit blieb jedoch verboten. Am 1. April 1935 wurde dann zusammen mit der endgültigen Beschlagnahme des Vermögens ein allgemeines Verbot der Organisation der Zeugen Jehovas ausgesprochen.
Zum Widerstand der Zeugen Jehovas
Über die Wege, sich zu behaupten, bestand unter den Zeugen Jehovas in der ersten Zeit nach der NS-Machtergreifung noch Unklarheit. Um organisatorisch fortbestehen zu können, schien damals sogar der Versuch opportun, die Gunst der Nationalsozialisten zu gewinnen. Man empfahl sich aufgrund des eigenen religiös motivierten Gegensatzes zum Judentum als möglicher Verbündeter. Diese Anbiederungsversuche blieben jedoch erfolglos. Im Herbst 1934 gaben die Zeugen Jehovas dann ihre bis dahin geübte Zurückhaltung auf. Während eines Kongresses im September 1934 in Basel beschlossen sie die Intensivierung der Propagandaarbeit und den Aufbau einer illegalen Organisation. Dazu wurde Deutschland unter der Leitung eines "Reichsdieners" in einzelne Bezirke unterteilt, die jeweils der Leitung von "Bezirksdienern" unterstanden.
Die "Bezirksdiener" stützten sich bei ihrer Arbeit in den Ortschaften auf "Ortsdiener", die wiederum Zellen bildeten, die sich mit der Bibelarbeit befassten und in denen die "Gute Hoffnung" genannten Spenden gesammelt und zur Aufrechterhaltung der Organisation und zur Unterstützung der Familien verhafteter Glaubensbrüder weitergegeben wurden. Für die Verteilung der im Untergrund hergestellten Schriften der Zeugen Jehovas sorgte diese illegale Organisation, die die Regeln konspirativer Arbeit beachtete: Es wurden Decknamen benutzt, Schriftverkehr vermieden, Anlaufadressen für Kuriere festgelegt und geheime Treffs verabredet. So kamen z. B. die süddeutschen Bezirksdiener anfangs regelmäßig alle vier Wochen beim Königsbau in Stuttgart zu Besprechungen zusammen.
Eines der bemerkenswerten Phänomene beim Widerstand der Zeugen Jehovas, das zugleich deren kompromisslosen Einsatz bezeugt, war die sofortige und mehrmalige Ersetzung von verhafteten fahrenden Funktionären. So waren im Bezirk Pfalz, Baden und Württemberg von 1933 bis 193 7 vier "Bezirksdiener" zuständig, deren Amtszeit sich von zwei Jahren auf vier Monate verkürzte.
Die Formen der verstärkten Propagandatätigkeit der Bibelforscher nach 1934 waren vielfältig: Neben das Bekenntnis zum Glauben am Arbeitsplatz, in der Hausgemeinschaft usw. traten die individuelle Missionstätigkeit von besonders geschulten Zeugen Jehovas und die kollektive Verteilung großer Mengen Broschüren und Flugblätter, was meist im Schutze der Dunkelheit geschah. Je nach den lokalen Gegebenheiten und abhängig von der Größe der Gemeinschaften und der vorhandenen Bestände an Broschüren etc. schwankte die Intensität dieser Aktivitäten. Größere Aufmerksamkeit erregten zwei reichsweite und einheitliche Aktionen, bei denen die Zeugen Jehovas große Mengen von Flugblättern am 12. Dezember 1936 und am 20. Juni 1937 verteilten. Sowohl die "Resolution" vorn 12. Dezember als auch der "Offene Brief" vom 20. Juni enthielten scharfe Angriffe gegen die Nationalsozialisten wegen der Verfolgung der Zeugen Jehovas und kündigten der Hitlerregierung die Vergeltung Gottes an.
Wie sehr viele Zeugen Jehovas wurde auch Julius Engelhard in dieser Phase des Widerstandes bei der Verteilung von Bibelforscherschriften im Dezember 1936 von der Polizei gefasst. Seine Gefängnisstrafe von sechs Monaten blieb im Rahmen der damals üblichen Strafen für die Delikte der Bibelforscher. Eine anschließende Inschutzhaftnahme und Überführung in ein KZ, die den Zeugen Jehovas damals drohte, blieb ihm erspart.
Die wirtschaftliche Lage Engelhards hatte sich seit 1934 gebessert. Als Bauarbeiter war er bei verschiedenen Karlsruher Firmen beschäftigt, und auch nach seiner Haftentlassung fand er in Karlsruhe eine Anstellung als Dachdecker. Dies war auch bitter notwendig, denn das Ehepaar Engelhard hatte 1934 bereits vier Kinder zu versorgen, zu denen 1938 noch ein fünftes Kind hinzukam. Nach eigenen Aussagen führte Engelhard eine glückliche Ehe, die nur durch die auseinanderstrebenden religiösen Standpunkte der Ehepartner getrübt wurde. Gegen seinen Willen habe seine katholische Frau alle Kinder katholisch taufen lassen. Möglicherweise hat diese familiäre Isolation in Glaubensfragen, die im Übrigen eher atypisch ist, da Ehepartner meist gemeinsam den Zeugen Jehovas angehörten, auch dazu beigetragen, dass Engelhard 1939 die Aufforderung, aktiver für die Zeugen Jehovas zu arbeiten, befolgte.
Die Widerstandstätigkeit Julius Engelhards 1939-1943
Im Februar oder März 1939 erhielt Engelhard Besuch von Ludwig Cyranek, der kurz zuvor eine Haftstrafe wegen Betätigung für die IBV verbüßt hatte und sich nun bemühte, die 1937/38 zerschlagene illegale Organisation wieder aufzubauen. Seit Juni 1939 betätigte sich Engelhard dann auf Bitten von Cyranek als Drucker für die Zeugen Jehovas. Die Materialien dafür besorgte er selbst, die fertigen Matrizen holte er sich bei einer Zeugin Jehovas in Bruchsal, einer ebenfalls wegen Betätigung für die IBV vorbestraften pensionierten Lehrerin, und den Vervielfältigungsapparat musste er auch selbst beschaffen. In den Monaten Juli bis Oktober stellte Engelhard dann nach Arbeitsschluss oder Sonntag vormittags jeweils 120 Abzüge von den ihm übergebenen Matrizen auf dem Abziehapparat seines Chefs her. Er besaß dessen volles Vertrauen und einen Schlüssel zum Büro.
Im Oktober 1939 scheiterte die Absicht die Vorlagen für die Matrizen des Schriftenmaterials über eine Karlsruher Deckadresse zu beschaffen. Beim ersten Versuch Engelhards, bei seinem Bekannten nach dem Eingang des Originals des "Wachtturm" zu fragen, öffnete ein ihm Unbekannter die Tür. Er vermutete zu Recht, dass es sich dabei um einen Polizeibeamten handelte, und ergriff die Flucht. Von nun an lebte Engelhard im Untergrund und übernahm immer umfangreichere Aufgaben für die Bibelforscherorganisation.
Zunächst wurde vereinbart, dass Engelhard in Bruchsal bei der pensionierten Lehrerin wohnen und mit ihr zusammen die verbotenen Bibelforscherschriften herstellen sollte. Dazu musste Engelhard jedoch den Vervielfältigungsapparat aus Karlsruhe wegholen. Dies war ohne Komplikationen möglich, da die Firma seines früheren Chefs, der inzwischen Soldat geworden war, ihre Arbeit eingestellt hatte. Bis Februar 1940 fertigten die beiden Zeugen Jehovas in Bruchsal mehrere Auflagen von Bibelforscherschriften, die von Cyranek und anderen Sektenangehörigen abgeholt wurden. Erstmals war Engelhard von Bruchsal aus auch in der näheren Umgebung als Kurier mit der Verteilung der Schriften befasst.
Im März 1940 hatte Engelhard noch einmal großes Glück. Bei seiner Quartiergeberin wurde von der Gestapo eine Durchsuchung vorgenommen, bei der es ihm gelang, unentdeckt zu bleiben. In den folgenden Wochen hielt er sich in Bretten verborgen, bevor er zunächst nach Essen ging und dann in Oberhausen-Sterkrade sein neues illegales Quartier bezog. Auf Anordnung eines Funktionärs der IBV, dessen Identität Engelhard nicht preisgab, setzte er hier die Vervielfältigung von Druckschriften fort. jetzt schrieb er allerdings auch die Matrizen selbst. In der Zeit von Anfang 1941 bis zum April 1943 fertigte Engelhard insgesamt 27 Nummern des "Wachtturm" mit einer Auflage von zuerst 240 und zuletzt 360 Stück. Dazu kamen in unregelmäßigen Abständen die "Mitteilungsblätter der deutschen Verbreitungsstelle des Wachtturm" in Auflagen bis zu 250 Stück sowie verschiedene andere Schriften. Damit trug Engelhard ganz wesentlich dazu bei, dass die Zeugen Jehovas auch im Weltkrieg ausreichend mit "Speise", wie das Bibelforscherschrifttum genannt wurde, versorgt werden konnten.
Dies gilt insbesondere für den Süden und Südwesten Deutschlands, denn seit Herbst 1941 reiste Engelhard einmal monatlich nach Süddeutschland, um "Speise" zu verteilen und Spenden einzusammeln. Er trat damit die Nachfolge des im März 1941 zum Tode verurteilten Ludwig Cyranek an. Als Drucker und Kurier unterwegs, stellte er einmal in München Abzüge einer Bibelforscherschrift her. In seinen Aufgabenbereich fiel auch die Einrichtung von Stützpunkten, die unter seiner Leitung z. B. in München, Mannheim, Speyer, Dresden und Freiberg/Sachsen entstanden. Interne Versammlungen, in denen er zum Festhalten am Glauben aufforderte, hielt er u. a. in München und Mannheim ab, und in Mannheim organisierte er im Oktober 1942 auch ein Treffen süddeutscher IBV-Funktionäre.
Seit seiner Flucht bestritt Engelhard seinen Lebensunterhalt sowohl in Sterkrade als auch auf seinen oft zweiwöchigen Reisen aus Unterstützungen, die er von Sektenangehörigen erhielt. Von dem ihm anvertraute Geld hat der von Gestapo-Beamten als selbstlos bezeichnete Engelhard nie etwas für sich genommen. Materiellen Gewinn hat er aus seinem Einsatz für die Zeugen Jehovas nicht gehabt.
Verhöre und Verurteilung 1943-1944
Noch in der Nacht seiner Verhaftung, am 4. April 1943 um 3.40 Uhr, wurde Julius Engelhard in das Essener Polizeigefängnis eingeliefert. Es folgte eine Serie von Verhören, die Engelhard so stark belasteten oder in denen ihn wahrscheinlich verhörende Beamte psychisch und auch physisch so stark unter Druck setzten, dass diese z. T. abgebrochen werden mussten. Das Vernehmungsprotokoll vermerkt dann lapidar: "Da der Beschuldigte der Vernehmung nicht mehr folgen konnte, wurde diese unterbrochen." Im November 1943 während einer Erkrankung forderten die Ermittlungsbeamten von Engelhard ein schriftliches lückenloses Geständnis. Er lieferte jedoch nur bereits bekannte Fakten, offenbarte aber zugleich auch seine Gewissensnot, in die ihn die drängenden Fragen der Vernehmungsbeamten brachten. Er sah die Haft als Prüfung, die ihn von seinem Glauben nicht abbringen werde, gerade jetzt nicht, wo sich die Zeichen mehrten, dass die Prophezeiungen vom nahen Ende der Welt richtig seien. "Und trotz all' dieses soll ich heute meinen Glauben als ein[en] Irrtum oder gar als Torheit verwerfen? Ich bin auch nur ein unvollkommener schwacher Mensch mit Fehler[n] und Sünden behaftet, die kein Mensch mehr vergeben oder wegnehmen kann. Aber der Schöpfer kann es tun und wird es auch tun, wenn ich ihn darum bitte, denn wir stehen in einem Verhältnis zu ihm wie das Kind zum Vater." Diese Festigkeit im Glauben, die die vernehmenden Polizisten als religiöse Überspanntheit ansahen, gab Engelhard wohl auch die Kraft, in den über dreizehn Monate andauernden Verhören noch Widerstand zu leisten, indem er immer nur das zugab und bestätigte, was die Beamten aus anderen Quellen ermittelt hatten, oder indem er sie durch falsche Angaben irreführte. So hat er bis zum Mal 1944 in den Verhören angegeben, er habe sich von März 1940 bis April 1941 in der Schweiz aufgehalten und so die Ermittlungsarbeit gegen Glaubensbrüder erschwert.
Der 6. Senat des Volksgerichtshofes in Berlin, der die Anklage gegen Engelhard und sieben weitere Zeugen Jehovas aus dem Ruhrgebiet verhandelte, verurteilte alle Angeklagten wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigungen zum Tode. In der Urteilsbegründung heißt es: "Der Inhalt der Schriften geht ... öffentlich darauf aus, den Wehrwillen des deutschen Volkes zu zersetzen ... und zugleich der Kriegsmacht des Reiches Schaden zuzufügen." Das Urteil wurde am 14. August 1944 vollstreckt. Dieses Urteil steht beispielhaft für die mit Hilfe des Straftatbestandes Wehrkraftzersetzung erreichte Brutalisierung des Vorgehens der NS-Justiz auch gegen die Zeugen Jehovas.
Julius Engelhard gehört zu den etwa 5000 von insgesamt 20 000 Bibelforschern, die in den Gefängnissen und Konzentrationslagern im Dritten Reich wegen ihres Glaubensbekenntnisses den Tod fanden oder hingerichtet wurden. Keine andere Sekte hat so unter dem Nationalsozialismus gelitten, keine andere aber auch einen ähnlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet. Die Triebkraft dieses Widerstandes) der hartnäckig war und mit großem Bekennermut stets auch die eigene Existenz auf Spiel setzte, wurzelte letztlich im religiösen Bekenntnis und nicht in politisch-demokratischen Zielsetzungen. Die leidvolle Geschichte der Zeugen Jehovas wurde so zum Paradigma eines religiös begründeten Widerstandes ohne Gewaltanwendung.
Dr. Manfred Koch
http://www.stolpersteine-karlsruhe.de
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