[{"data":1,"prerenderedAt":-1},["ShallowReactive",2],{"place-5485":3,"supporters":43,"nearby-5485":51},{"id":4,"title":5,"text":6,"photos":7,"videos":19,"audio":20,"coords":21,"stones":24,"town":34},"5485","Viertler, Konrad","Erinnerungen an KONRAD VIERTLER (1933–1943) \r\n\r\n„Dass da etwas nicht in Ordnung war, ist still und leise in der Familie transportiert worden.“ \r\n\r\n„Eines habe ich schon als Gymnasiast mitbekommen: Dass mein Bruder Konrad durch die Nazis umgekommen ist. Dass da etwas nicht in Ordnung war, ist still und leise in der Familie transportiert worden“, erinnerte sich der mittlerweile über 80 Jahre alte Pater Koloman Viertler in einem Gespräch mit dem Journalisten Robert Domes. \r\n\r\nHeim ins „großdeutsche Reich“ \r\n\r\nFamilie Viertler, zu der neben den Eltern Anna und Simon ihre neun Kinder zählten, war im September 1941 aus dem italienischen Pichl in Gsies (Valle di Casies) nach Österreich übergesiedelt. Der Vater hatte für das Reich optiert. Der neue Wohnort der Familie war die kleine steiermärkische Gemeinde Prenning bei Deutschfeistritz. Bei der obligatorischen gesundheitlichen Überprüfung im Zuge der Übersiedlung und Einbürgerung fielen vermutlich die geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen des 1933 geborenen, zweitjüngsten Kindes der Familie auf. Konrad war in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung – vermutlich durch Komplikationen bei der Geburt – etwas zurückgeblieben. Er konnte nicht sprechen und musste in vielen Dingen versorgt werden. Während eines kurzen Aufenthaltes der Familie in Innsbruck wurde Konrad von einer Krankenschwester abgeholt und in das St. Josefs-Institut in Mils bei Hall in Tirol, einer konfessionellen Einrichtung zur Pflege „Geistesschwacher“, gebracht. Dort lebte der Junge ein knappes Jahr. Mit den daraus folgenden Konsequenzen hatte die Familie nie gerechnet. \r\n\r\nTirol – Kaufbeuren – Irsee \r\n\r\nAuf Betreiben des „Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ wurde Konrad Viertler am 27. August 1942 zusammen mit neun anderen Kindern aus Südtirol von Mils nach Kaufbeuren verlegt. Der „Reichsausschuss“ war eine nationalsozialistische Tarnorganisation, die kranke und behinderte Kinder erfasste, diese in sogenannte „Kinderfachabteilungen“ einweisen, dort begutachten und auch ermorden ließ. „Kinderfachabteilungen“ befanden sich sowohl in der Hauptanstalt Kaufbeuren als auch in der Nebenstelle Irsee. \r\nIm gewohnten Familienkreis stellten Konrads Beeinträchtigungen kein Hindernis dar. Bis zur Übersiedlung der Viertlers wuchs er zusammen mit seinen Geschwistern auf, für die das Anderssein des Bruders normal war. Auf die Trennung von der Familie und das Herauslösen aus der gewohnten Umgebung reagierte der achtjährige Junge aber mit Ablehnung. Vermutlich kapselte er sich ein und mied den Kontakt zu anderen Kindern auf der Station genauso wie zu den Ärzten und dem Pflegepersonal. Man charakterisierte ihn als „immer gleich stumpf“ oder als „schwerfällig“. In der Akte in Kaufbeuren ist vermerkt: „Idiotie ohne nachweisbare Ursache“. \r\nKonrads Eltern wurden über die Verlegung ihres Sohnes von Mils nach Kaufbeuren nicht informiert. Es hat den Anschein, dass ihre Post nach Mils mit einem Verlegungsvermerk zurückkam, denn ihr Brief vom 21. September 1942 beginnt mit den Worten: „Habe erst jetzt erfahren, daß unßer Sohn Konrad Viertler sich bei Ihnen befindet.“ In weiteren Briefen an den „geehrten Herrn Direktor“ erkundigten sich die Eltern nach dem Befinden ihres Kindes und beantworteten die Fragen des Arztes Dr. Valentin Faltlhauser zur Familienanamnese. \r\nEine medizinische Behandlung ist für Konrads zehnmonatigen Aufenthalt in Kaufbeuren nicht dokumentiert, obgleich bekannt ist, dass die anderen neun Südtiroler Kinder intensiv untersucht und auch für Tbc-Impfversuche missbraucht wurden. Mit der Bemerkung „Unveränderter Zustand. In letzter Zeit dadurch unangenehm, daß er die anderen Jungen beißt“, wurde er am 22. Juni 1943 nach Irsee abgeschoben. \r\n\r\nKonrad Viertler, am 12. Februar 1933 geboren, starb im Alter von zehn Jahren, am 12. Oktober 1943 in Irsee. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde Konrad mit überdosierten Medikamenten ermordet. Sein Grab befindet sich nach Auskunft des chronologischen „Toten-Register[s] betr[effend] der Kranken der Heil- und Pflege-Anstalt Irsee 1849–1950“ auf einem der Anstalt vorbehaltenen Areal auf dem Irseer Gemeindefriedhof (Fg 267). \r\n\r\nIn der Familie kein Thema \r\n\r\nPater Koloman Viertler hat zum ersten Mal von Dr. Andreas Conca, einem Psychologen und Psychotherapeuten in Bozen, vom Schicksal seines Bruders erfahren, als dieser vor einigen Jahren die Geschichte behinderter Kinder im Nationalsozialismus in Südtirol erforschte. Dr. Conca hat dazu unter anderem im Historischen Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren recherchiert und dort auch wichtige Unterlagen gefunden, u. a. medizinische Meldungen, die Krankenakte von Konrad Viertler und auch den Briefwechsel der Eltern mit Anstaltsleiter Dr. Faltlhauser. \r\nSeit Mai 2014 ist Koloman Viertler im Besitz dieser Unterlagen. Er ist überzeugt, dass ohne den Anstoß von Dr. Conca in der Familie wohl niemand auf die Idee gekommen wäre, dem Schicksal des Bruders nachzuforschen. „Zuhause ist über die Geschichte nie gesprochen worden. Es war ganz eigenartig. Vielleicht haben sich die Eltern geschämt oder haben es verdrängt. Mir tat es sehr leid, als ich auf die Geschichte gestoßen bin, dass ich meine Eltern nie gefragt habe: Was war denn da los? Als ich meiner älteren Schwester gesagt habe, dass in den Papieren aus Kaufbeuren stand, dass Konrad an Idiotie gelitten hat, ist sie zornig geworden. Denn Konrad ist in der Schar der Kinder automatisch mitgewachsen. Da hat man akzeptiert, dass er anders war. Dass so ein Kind dann in eine Anstalt kommt und aus seiner Umgebung und von den Menschen, die er kennt, einfach weggerissen wird, ist unverständlich. Aber es war in der Familie kein Thema.“\r\n\r\nAutor: Dietmar Schulze und Auszüge eines Gesprächs von Robert Domes mit Pater Koloman Viertler \r\n\r\nAbbildungen \r\nTitelfoto: Konrad Viertler (um 1941), Foto privat \r\nAbb. 1: Konrad Viertler (links) im Kreis seiner Familie, privat \r\nAbb. 2: Simon Viertler, Prenning\u002FSteiermark, an die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, 27.12.1942, Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren\r\n\r\n\r\nhttps:\u002F\u002Fanstalt-irsee.de\u002Fwp-content\u002Fuploads\u002F2025\u002F06\u002Fnamensflyer-konrad-viertler.pdf",[8,14],{"original":9,"thumb":10,"caption":11,"width":12,"height":13},"https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002F84accfef7fd11a3ea611131cc236baf9.jpg","https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002F84accfef7fd11a3ea611131cc236baf9_thumb.jpg","Konrad Viertler (links) im Kreis seiner Familie, privat 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