[{"data":1,"prerenderedAt":-1},["ShallowReactive",2],{"place-5479":3,"supporters":58,"nearby-5479":66},{"id":4,"title":5,"text":6,"photos":7,"videos":34,"audio":35,"coords":36,"stones":39,"town":49},"5479","Lossa, Ernst","Erinnerungen an ERNST LOSSA (1929–1944) \r\n\r\n„Jeden Tag gehen wir spazieren oder in den Garten.“ \r\n\r\nLebensgeschichte\r\n\r\nDer am 1. November 1929 in Augsburg geborene Ernst Lossa entstammt einer jenischen Familie, die sich als fahrende Händler mehr schlecht als recht über Wasser zu halten vermochte. Mutter Anna starb 23-jährig an Tuberkulose, als Ernst knapp vier Jahre alt war. Vater Christian war von Januar 1936 bis Dezember 1938 im Konzentrationslager Dachau mit „Arbeitszwang“ inhaftiert und wurde im Oktober 1941 in das Konzentrationslager Flossenbürg verbracht, wo er am 30. Mai 1942 mit nur 35 Jahren zu Tode kam. \r\nFür Ernst und seine Geschwister Amalie (1931–2022), Anna (1932–2011) und Christian (der 1935 noch nicht zweijährig stirbt) war der „Fürsorgeverband Schwaben“ zuständig. Er bringt Ernst ab 1933 in einem Waisenhaus in Augsburg unter. Dorthin folgen zwei Jahre später auch die beiden Schwestern, die zunächst in einem Säuglingsheim sind. Mit zehn Jahren wird Ernst in eine Erziehungsanstalt der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) in Markt Indersdorf abgeschoben, da angeblich „die Erziehungsarbeit einer ganzen Gruppe unter einem solch stark abartigen und asozialen Jungen“ litt. \r\n\r\nEine Gutachterin von der „Forschungsanstalt für Psychiatrie“ in München verstieg sich zu der Behauptung, bei Ernst Lossa handele es sich „zweifellos um einen an sich gutmütigen, aber völlig willenlosen, haltlosen, fast durchschnittlich begabten, triebhaften Psychopathen“. Daraufhin wurde er am 20. April 1942 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eingewiesen. \r\nObwohl dort zunächst positiv auffiel, dass der Dreizehnjährige „bei der Pflege der hilflosen Kinder“ zur Hand ging und „ihnen ganz geduldig löffelweise ihren Brei“ fütterte, überwogen abwertende Beurteilungen, sodass man Ernst Lossa am 5. Mai 1943 in den Anstaltsteil Irsee abschob. Auch hier wirken pflegerisches und ärztliches Personal im Umgang mit dem aufgeweckten, impulsstarken und eigensinnig lebendigen Buben völlig überfordert – sodass man beschloss, ihn zu „euthanasieren“, mithin Ernst Lossa zu ermorden. Da Ernst offensichtlich von den unnatürlich vielen Sterbefällen in seiner Umgebung wusste und wohl auch gesehen hatte, dass Kranken Spritzen und Tabletten verabreicht wurden, bekam er die tödliche Injektion unter dem Vorwand einer Typhusschutzimpfung. \r\n\r\nAm Abend des 8. August 1944 erhielt Ernst Lossa zwei Spritzen mit Morphium-Scopolamin, als Todesdatum wurde der „9.8.44“ vermerkt. In dem im November 1909 von Sektionsdiener Max Ries begonnenen „Buch für Sectionen“ der „Königlichen Pflegeanstalt Irsee“ steht dahinter ein dickes rotes Fragezeichen.\r\nDas von Pater Carl Wolff unmittelbar nach Kriegsende angelegte Register der Irseer Anstaltsgräber verzeichnet die letzte Ruhestätte von Ernst Lossa in der „Abteilung II, Reihe I, Grab-Nr. 3“ auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof unmittelbar hinter der Klosterkirche.\r\n\r\nAngehörigengeschichte\r\n\r\n„Alle Einrichtungen legten über den Zögling bzw. Patienten Ernst Lossa Akten an, beurteilten sein Verhalten, schätzten seine Entwicklung ein, füllten Blatt um Blatt, sodass sich sein Leben rekonstruieren lässt“, konstatiert der Historiker Dietmar Schulze, „doch unter all den Schriftstücken befindet sich nur eines, das Ernst Lossa selbst geschrieben hat. Es ist ein Brief an den Leiter der Fürsorgeerziehungsanstalt Indersdorf“. Neun Tage nach seiner Ankunft berichtet der Zwölfjährige: „Die Fahrt war sehr schön, die ich mit dem Fräulein Friedl gemacht habe nach Kaufbeuren. Mir gefällt es sehr gut …“ Seine ersten Anstaltseindrücke sind ausgesprochen positiv: „Jeden Tag gehen wir spazieren oder in den Garten.“ Dabei war das Auseinanderreißen der Geschwister mehr als traumatisierend. Im Gespräch mit Robert Domes erinnerte sich seine Schwester Amalie (Speidel, geborene Lossa) an den letzten Abschied: „Eines morgens, ganz früh, hat man mich und meine Schwester Anni geweckt. Die Mädchenschwester hat uns auf den Flur geführt, da stand Ernst angezogen und mit einem Koffer in der Hand. Ich hab’ gar nichts geahnt. Uns ist gar nichts gesagt worden. Die Mädchenschwester sagte, wir sollen uns verabschieden, er kommt in ein anderes Heim, weit weg, da hat er es schön. Da waren wir acht, neun Jahre alt. Wir haben nur Ade gesagt, dann hat der Pfarrer … Ernst mitgenommen. Danach haben wir ihn nie mehr gesehen. Nur einmal ist eine Postkarte gekommen. … Die haben wir lesen dürfen. Dann hat sie uns die Mädchenschwester aus der Hand genommen und vor unseren Augen zerrissen.“ \r\n\r\nWirkungsgeschichte \r\n\r\nDass das Schicksal von Ernst Lossa bis heute berührt, verdanken wir zu allererst dem unerschöpflichen Engagement von Prof. Dr. Michael von Cranach, der die Krankenakten aus Kaufbeuren\u002FIrsee zugänglich gemacht hat. Dem gewissenhaften Nachforschen entwuchs die von Robert Domes sensibel erzählte Romanbiografie „Nebel im August. Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa“ (2008), die 2016 verfilmt wurde. Ernst Lossa – wie Anne Frank im Jahr 1929 geboren und als junger Mensch ermordet – wurde so beispielhaft zum Gesicht der verschleiernd wie verharmlosend „Euthanasie“ genannten nationalsozialistischen Patientenmorde: Bücher zeigen sein Angesicht, in Augsburg und Kaufbeuren sind Straßen nach ihm benannt, in Irsee und Augsburg wurden „Stolpersteine“ für ihn verlegt, Behinderteneinrichtungen tragen ebenso seinen Namen wie ein Spielzeugmuseum in Neapel. \r\nDer Buch- und Filmtitel „Nebel im August“ schließlich wurde zum Synonym für die künstlerische Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen „Euthanasie“-Aktionen, deren juristische Aufarbeitung John von Düffel zu dem Dokumentarstück „NEBEL IM AUGUST (Der Fall Ernst Lossa vor Gericht)“ anregte, das im März 2018 von der Intendantin Dr. Kathrin Mädler am Landestheater Schwaben uraufgeführt wurde. \r\n\r\nSeit 2010 findet am Allerheiligentag – zugleich dem Geburtstag von Ernst Lossa – jährlich auf dem ehemaligen Patientenfriedhof von Irsee die Gedenkveranstaltung „Lichter gegen das Vergessen“ statt. Initiiert wurde sie von Robert Domes, unterstützt vom Bildungswerk des Bayerischen Bezirketags wie von Kloster Irsee als Tagungs-, Bildungs- und Kulturzentrum des Bezirks Schwaben. Bis zu ihrem Tod 2022 nahm auch Ernst Lossas Schwester Amalie an diesen Begegnungen mit Angehörigen von Opfern der NS-Patientenmorde teil. So wurde das „Kloster- und Künstlerdorf Irsee“ in den letzten Jahren auch zu einem Erinnerungsort, „an dem wir gegen den Schmerz und die Traumata und den Tod anerzählen. Ein Ort, an dem die Verluste noch einmal ins Leben kommen“ (Kathrin Mädler). Vor allem aber wurde Kloster Irsee zu einem Ort, an dem ein Name niemals vergessen wird, der von Ernst Lossa. \r\n\r\nAutor: Stefan Raueiser\r\n\r\nAbbildungen\r\nTitelbild: Foto des zehn- oder elfjährigen Ernst aus dem psychiatrischen Gutachten des Landesverbands für Wander- und Heimatdienst – Quelle: Landeskirchliches Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Landeskirchliches Archiv (LAELKB), Herzogsägmühle 3214 \r\nAbb. 1: Der kleine Ernst – Aufnahmeort und Zeit unbekannt, vermutlich 1933\u002F34, privat (Amalie Speidel)\r\nAbb. 2: Ernst mit seinen Schwestern (links Amalie, rechts Anna), aufgenommen im Augsburger Waisenhaus, ca. 1935, privat (Amalie Speidel) \r\nAbb. 3: Foto aus der Krankenakte, Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren \r\nAbb. 4: Faksimile des Briefs, Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche in Bayern, Nürnberg\r\n\r\nhttps:\u002F\u002Fanstalt-irsee.de\u002Fwp-content\u002Fuploads\u002F2025\u002F06\u002Fnamensflyer-ernst-lossa.pdf",[8,14,19,24,29],{"original":9,"thumb":10,"caption":11,"width":12,"height":13},"https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002F2422f35f7c689fa2f7dce3bd59f672b5.jpg","https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002F2422f35f7c689fa2f7dce3bd59f672b5_thumb.jpg","Foto des zehn- oder elfjährigen Ernst aus dem psychiatrischen Gutachten des Landesverbands für Wander- und Heimatdienst – Quelle: Landeskirchliches Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Landeskirchliches Archiv (LAELKB), Herzogsägmühle 3214 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