[{"data":1,"prerenderedAt":-1},["ShallowReactive",2],{"place-2804":3,"supporters":65,"nearby-2804":73},{"id":4,"title":5,"text":6,"photos":7,"videos":34,"audio":35,"coords":36,"stones":39,"town":56},"2804","Familie Kramer","Sybilla Kramer (23.2.1891 - 3.8.1980) wurde in Brühl als Tochter in die jüdische Familie Bähr geboren. Ihre Eltern waren Simon Bähr (1862-1942) und Regina Hirtz (auch Hertz geschrieben). Sie hatte mindestens zwei Brüder und eine Schwester. Ihre Eltern ließen sich 1907 in Köln scheiden. \r\n\r\nIhr Ehemann Richard Kramer (29.12.1885 - 14.11.1963) wurde 1885 in Sandersleben in Sachsen-Anhalt als Sohn des dänischen Lederhändlers Gottlieb Kramer und der Auguste Kramer geb. Ziercke geboren. Er war von 1914 bis 1918 Soldat und kämpfte im Ersten Weltkrieg an der Westfront. Am 11. November 1915 heirateten Sybilla und Richard Kramer in Sybillas Heimatort Brühl. Sybilla folgte 1918 ihrem evangelischen Mann, Richard Kramer, in die Kreisstadt Tuttlingen, der sich dort nach seiner Soldatenzeit im Ersten Weltkrieg mit einem eigenen Geschäft niederließ. \r\n\r\nRichard Kramer bewährte sich als guter Geschäftsmann. Bis zu 20 Personen hatte er in seinem Betrieb beschäftigt. Auch Ende der 1920er Jahre konnte er trotz finanzieller Verluste in der Weltwirtschaftskrise seinen Mitarbeiterstamm halten, als so manche Firma Kurzarbeit anmeldete oder den Betrieb ganz einstellte. Er begründete hier die so genannten Erkate-Werke, die Hochdruckschmiergeräte herstellten. Nach 1933 entwickelte und produzierte er für die Rüstungsindustrie Fernregulierungen von Flugzeugmotoren. Er war der einzige Hersteller dieses Zubehörs im ganzen Reichsgebiet und das Rüstungsministerium konnte schlecht auf ihn verzichten. Allerdings fürchte er, dass ein so wichtiger Betrieb leicht der Arisierung anheimfallen und jemand anderer das Geschäft leiten könnte. \r\n\r\nVor Ort spürte er nach 1933 eine Benachteiligung, die seine jüdische Ehefrau aber auch ihn betraf. Er erhielt immer wieder Schreiben von der Gestapo, in denen er zu den Vermögensverhältnissen von Sybilla befragt wurde. Sie durfte abends nach 8 Uhr nicht mehr auf der Straße sein, keine Kinos und Gaststätten besuchen, sie wurde aus dem Wählerverzeichnis gestrichen und Ähnliches. Die Ehe mit der jüdischen Sybilla Kramer war den Parteibonzen ein Dorn im Auge. Des Öfteren versuchte man ihn, zu einer Trennung von seiner Frau zu bewegen. Da er dies nicht tat, verliehen massive Benachteiligungen in geschäftlicher Hinsicht der Forderung Nachdruck. Von 1940 bis 1945 hatte er meist fünf bis acht Arbeiter beschäftigt. Zwei seiner wichtigen Fachkräfte wurden bei ihm abgezogen und den Chironwerken zugeteilt. Lehrlingen durfte er keine ausbilden. Zudem hatte er um 1940 die Absicht gehabt, ein Fabrikgebäude zu errichten. Der Kreisleiter Gottlieb Huber hatte ihm signalisiert, dass diesem Vorhaben nichts entgegenstehen würde. Er beauftragte den Architekten Gustav Teufel mit der Planung. Als es dann aber um die Genehmigung ging, wurde diese ihm verwehrt. Seit 1933 fühlte er sich zusehends schikaniert und Angriffen ausgesetzt. Wiederholt wurde er kontrolliert. Er selber gab an, dass er das 100-fache hätte leisten können, wenn er nicht drangsaliert worden wäre. 1943 wurde er in die Gestapo-Zentrale in Stuttgart in das Hotel Silber einbestellt. Der dortige Gestapo-Beamte setzte ihn erneut unter Druck, dass er sich scheiden lassen soll und dann unbehelligt leben könnte. Seine Frau würde dem „Judentum verfallen“. Da er dies ablehnte, wusste er, dass er auf der Abschussliste stand. „Ich bin kein Schuft, der seine Frau in der Not im Stich lässt“, kommentierte er dieses Ansinnen. Richard Kramer wusste, dass er damit das Todesurteil seiner Frau unterschreiben würde, weil deren Leben nur solange halbwegs sicher war, wie sie mit einem nichtjüdischen, arischen Mann verheiratet war.\r\n\r\nEnde August 1944 wurde der langjährige Kreisleiter Gottlieb Huber nach Göppingen versetzt. An seine Stelle trat der sehr linientreue Immanuel Baptist und damit änderte sich das politische Klima. Während Richard Kramer mit Gottlieb Huber bekannt war und dieser keine Maßnahmen gegen das Ehepaar einleitete, vertrat Baptist die genaue Parteilinie der NSDAP und bald wurde die Lage ernst.\r\n\r\nIm Sommer 1944 war ein Inspekteur der Rüstungsinspektion VA mit dem Namen Süß bei Kramer, der ihm anschrie warum er nicht in der DAF sei. Richard hatte ihn zurechtgewiesen und kurze Zeit später, am 28.August 1944, wurde die Stilllegung seines Betriebs verfügt, woraufhin Richard einen Herzanfall erlitt. Der seelische Druck, unter dem er die ganze NS-Zeit über stand, hatte zu gesundheitlichen Beschwerden geführt. Er meinte im Nachhinein, dass er wohl von einem Mitarbeiter; Emil Projahn, denunziert worden war. Er musste seine Maschinen verzeichnen und es stand zu befürchten, dass diese abgeholt werden würden. Letztendlich konnte der Betrieb aber in seiner Abwesenheit weitergeführt werden. Im November 1944 mehrten sich Anzeichen, dass etwas gegen das Ehepaar im Gange war und er wurde gewarnt, dass er verschwinden solle. Zudem kamen Verwandte seiner Frau bei ihnen vorbei, die sich in einer ähnlichen Situation befanden und in die Schweiz fliehen wollten. Zwei ihrer Brüder und ihre Schwester waren bereits im KZ, ebenso einige Neffen, obwohl fast alle mit Christen verheiratet waren. \r\n\r\nJetzt machte Richard sich auf die Suche nach einem Versteck für seine Frau und fand es in Fridingen im Donautal im Ziegelhof bei der Familie Heni, weit abgeschieden vom Dorf. Allerdings residierte in geringer Entfernung die NS-Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink auf dem Schloss Bronnen. Aber der Hof war sehr abgeschieden und es kamen nur selten Menschen vorbei. Inzwischen hatte Richard die Mitteilung erhalten, dass er sich als „jüdisch Versippter“ am 20. November 1944 bei der Gestapo-Sammelstelle in Bietigheim einfinden sollte. Am 19. November machte Sybilla sich also auf den Weg nach Fridingen zur Familie Heni. \r\n\r\nVon Bietigheim aus wurde Richard Kramer dem Mischlingslager Leimbach bei Halle (OT Lager Organisation Todt)  Walzwerk Hettstett überstellt, das nicht weit von seinem Geburtsort entfernt war. Vom 20. November 1944 bis 25. Februar 1945 arbeitete er dort für die Mansfelder Kupfer- und Messingwerke, zunächst im Freien, später in der Schreinerei. 3000 RM hatte er mitgenommen. Damit versuchte er für sich und andere Häftlinge durch Bestechung von Wachbeamten, die Lebensbedingungen zu verbessern. Insbesondere kümmerte er sich um den erkrankten Wilhelm Schlenker aus Schwenningen. \r\n\r\nIn der Haft schrieb er einen Brief an Albert Speer, den Reichsminister für Rüstung und Munition, und bat ihn, sich für ihn zu verwenden, was dieser auch tat. Als bereits bekannt war, dass er entlassen werden würde, glitt er auf einem Ölfleck aus und stürzte am 10. oder 11. Februar eine eiserne Treppe über zwei Stockwerke hinab. Er meinte, es seinen ca. 9 Meter Höhe gewesen, die er hinunter gefallen sei. Man brachte ihn ins Knappschaftskrankenhaus Hettstedt. Dort stellte man fest, dass er großes Glück gehabt hatte, denn es war nichts gebrochen. Allerdings hatte er starke Prellungen, die ihn seit seines Lebens plagen sollten. Im KZ brachen sie morgens um 4 Uhr auf und kehrten erst zwischen 18 und 19 Uhr ins Lager zurück. Zudem war die Ernährung schlecht und er magerte deutlich ab. 300 Gramm Suppen und Brot bei schwerer körperlicher Arbeit, war die Tagesration. Als er heimkehrte war er so abgemagert, dass ihm der Ehering vom Finger fiel und er drei Paar Socken in den Schuhen tragen musste.\r\n\r\nBevor Richard Kramer nach Bietigheim abreiste, gelang es ihm jedoch noch, seine Frau Sybilla rechtzeitig bei Fridingen an der Donau zu verstecken. In seiner „Persilschein“-Liste, mit denen er nach dem Krieg verschiedene belastete Personen gut beleumundete, erwähnte er, dass der Fabrikant Hermann Binder und der Kaufmann Ernst Schweizer, beide in der Kaiserstraße 10 ansässig, ihm als besondere Freunde behilflich waren, seine Frau während der NS-Zeit zu verstecken. Das Verbergen von Sybilla Kramer glückte den Beiden aber nur, weil Sybilla bei ihrer Schwiegermutter und Nachbarn die Nachricht gestreut hatte, dass sie zurück nach Köln reisen wolle. Als die Frauen keine Briefe mehr von Sybilla erhielten, gingen diese davon aus, dass sie im stark bombardierten Köln umgekommen sei. Die zwischenzeitlich per Steckbrief von der SS im ganzen Land gesuchte Sybilla konnte sich sechs Monate, bis zur Besetzung Tuttlingens durch die Franzosen, auf dem abgelegenen Hof der Familie Heni verstecken, der durch starke Überschwemmungen zu dieser Zeit und durch einen großen Bernhardiner vor überraschenden Besuchen geschützt war. Obwohl zum Teil bis zu sechs verwandte Familien der Henis von ihrem Verbleib auf dem Hof wussten, und sie deshalb in größter Gefahr schwebte, ausgeliefert zu werden, wurde Sybilla von keinem der Mitwissenden verraten. Für ihren Aufenthalt gab sie der Familie Geld und überlebte dort, obwohl sie keine Lebensmittelkarten besaß. Besonders einen Knecht bestach sie immer wieder, um ihn von einer Denunziation abzuhalten. Sie schwebte in permanenter Angst, verraten zu werden.\r\n\r\nAls Richard Ende Februar zurückkehrte, hatte die NSV einen Teil seiner Wohnung in der Kirchstraße 22 an einen SD-Mann vermietet. Richard bezahlte während seiner KZ-Zeit die volle Miete an den Vermieter. Der Untermieter jedoch entrichtete seine Miete an die NSV. Der größte Teil der im Keller gelagerten Vorräte war zudem verschwunden\r\n\r\nTrotz des seit 1933 sukzessiven und absichtlich geschürten Antisemitismus konnte Sybilla Kramer vor allem durch die Familie Heni, die mit dem Verstecken von Sybilla Kramer ein großes Risiko auf sich nahm, überleben. Die Tuttlinger Bevölkerung sowie der 1944 abberufene Kreisleiter Gottlieb Huber hielten eine schützende Hand über Sybilla und Richard Kramer durch die ganze nationalsozialistische Zeit hindurch und sicherten so deren Überleben. In einem Interview lange nach Ende des Kriegs beteuerte Sybilla Kramer: „Diesen Leuten verdanke ich mein Leben!“. \r\nNach dem Krieg versuchte das Ehepaar zumindest einen Teil ihrer Auslagen erstattet zu erhalten. In einem ersten Bescheid wurde eine Wiedergutmachung abgelehnt, da das Wiedergutmachungsgericht der Ansicht war, dass Sybilla sich ohne konkrete Bedrohungssituation verborgen gehalten hätte. Da wurde sie wütend. „Ich habe gewusst, dass ich ermordet werden sollte“, schrieb sie in die Antwort. Sie nannte die Zahl von 40 ermordeten Familienmitgliedern – allen voran ihre beiden Brüder, von denen einer kriegsversehrt war. Nach einem ihrer ermordeten Brüder – Leopold Bähr – wurde später in ihrem Heimatort Brühl ein Platz benannt. Richard wollte man die durch seinen Sturz erlittenen Beeinträchtigungen ebenfalls nicht anerkennen. Sie legten Widerspruch ein und erhielten dann endlich 1957 einen positiver Bescheid, der den beiden einen geringen Geldbetrag als Wiedergutmachung zusprach. Richard Kramer starb in Tuttlingen 1963, Sybilla lebte noch bis 1980. 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