[{"data":1,"prerenderedAt":-1},["ShallowReactive",2],{"place-2270":3,"supporters":103,"nearby-2270":111},{"id":4,"title":5,"text":6,"photos":7,"videos":57,"audio":58,"coords":59,"stones":62,"town":94},"2270","Familie Kälbermann\u002FBlatt","Familie Kälbermann\r\n„Wenn wir mehr geahnt hätten, wären wir früher gegangen“, sagte die Tuttlinger Jüdin Elise Fröhlich in einem Interview in den 1950er Jahren. Ähnlich hätte wohl auch Isidor Kälbermann geantwortet, wenn man ihn nach dem Krieg befragt hätte. Er musste in den fernen USA schmerzlich die Ermordung seiner Frau, seiner Tochter und seiner Schwiegereltern verkraften. Im Frühjahr 1939 hatte er alleine Tuttlingen verlassen, um über England in die USA zu emigrieren. Seine Familie wollte er nachholen. Dazu kam es aber nicht mehr. Wer aber war die Familie Kälbermann?\r\n\r\n Die Brüder Isidor und Ludwig Kälbermann wurden in Großeicholzheim (Neckar-Odenwald-Kreis) als Söhne des Vieh- und Schuhhändlers Max Kälbermann und dessen Ehefrau Amalie geb. Heimann im Jahre 1899 und 1901 geboren. 1922 zogen die Brüder nach Tuttlingen und erwarben schon bald das Gebäude Hermannstraße 23, das zuvor dem Schuhfabrikanten Johannes Martin gehört hatte, und begründeten darin eine Schuhfabrik sowie einen Großhandel mit Leder und Schuhwaren. Die Schuhfabrikation wurde schon bald aufgegeben, der Handel aber weiter betrieben. 1932 trennten sich die Brüder und jeder meldete für sich einen Großhandel an – Isidor für Leder- und Schuhwaren, Ludwig nur für Schuhwaren.\r\n\r\n Isidor, Else und Edith Kälbermann\r\n Der ältere Bruder Isidor heiratete 1930 die 1907 in Mainz geborene und in Großgerau ansässige Else Blatt, die als auffallend gut aussehende Frau geschildert wird. Sie war die Tochter des Kaufmanns und Weinhändlers Siegfried Blatt und dessen Ehefrau Rosalie. 1932 gebar Else ihre gemeinsame Tochter Edith. Die Welt der Kälbermanns veränderte sich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Bereits am 1. April 1933 wurde ein Boykottaufruf für jüdische Geschäfte veröffentlich, den besonders Isidor Kälbermanns Schwiegereltern Siegfried und Rosalie Blatt zu spüren bekamen. Ihr Wein- und Spirituosengeschäft in Großgerau wurde geplündert und zerstört. Die Kälbermanns begannen sich um 1937 auch für Auswanderungsmöglichkeiten zu interessieren. Es wird kolportiert, dass Isidor Kälbermann mit dem Rexinger Erkundungstrupp, dem auch Julius Fröhlich beitrat, nach Palästina reiste, sich aber nicht dazu durchringen konnte, sich auf dem kahlen Stück Land niederzulassen.\r\n\r\nIsidor zögerte offensichtlich nach der Palästina-Erfahrung weitere Auswanderungspläne ins Auge zu fassen. Bis Oktober 1938 führte er sein Geschäft, dann meldete er es ab. Als er bei der so genannten \"Judenaktion“, der Reichskristallnacht, am 9. November 1938, in Schutzhaft genommen wurde, spürte er sicher, dass Handeln dringend notwendig war. Zwar wurde er als Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs Anfang Dezember wieder entlassen, die Bedrohung blieb, aber gleichzeitig wurde es immer schwerer Deutschland zu verlassen. Kurz vor Kriegsausbruch meldete er sich in Tuttlingen ab, um das Terrain in England oder USA zu sondieren.\r\n\r\n Zwei Mal taucht er in Passagierlisten Richtung USA auf. 1939 reiste er nach London, erhielt dort am 26.3. 1940 ein Einreisevisum in die USA ausgestellt und segelte dann mit der Scythia von Liverpool nach New York. 1953 als er offensichtlich noch einmal zurückgekehrt war, um das Schicksal seiner Familie zu klären, setzte er von Le Havre nach New York über. Als Wohnort wurde zunächst New Haven im Staate Connecticut angegeben. Als er 1947 eingebürgert wurde, lebte er noch dort. Später wird ein Wohnsitz in New Rochelle im US-Bundesstaat New York genannt.\r\n\r\n Seine Familie, die er 1939 zurück gelassen hatte, sah er nie wieder. Bereits im Mai 1939 zog seine Tochter Edith nach Stuttgart (zunächst in die Uhlandstraße 25 zur Fam. Schloss), da ihr in Tuttlingen der Schulbesuch verwehrt wurde. Später folgte ihr ihre Mutter nach. Beide lebten dann in der Wannenstraße 16. Vor diesem Haus liegen die Stolpersteine für den Rechtsanwalt Dr. Robert Mainzer und seiner Frau Helene. Eine Freundin von Else Kälbermann, Kathie Haas[i], schilderte in einem Brief die Verhältnisse in der Stuttgarter Wohnung. Es gab ein Schlafzimmer und eine Küche, die bei ihrem Einzug in die Wohnung erst hergerichtet wurde. Einige Dinge brachte sie von ihrer 7-ZimmerWohnung in Tuttlingen mit, andere, wie der Herd, wurden dazu gekauft. Das 12-teilige Silberbesteck hatte sie abgeben müssen. Die Küche ließ sie eingerichtet zurück, als sie deportiert wurde, damit die später hier Einziehenden gleich Möglichkeiten zum Kochen vorfinden würden, sagte sie zu ihrer Freundin Kathie. Diese schilderte 14 Jahre später, dass Else „furchtbare Angst vor der Gestapo“ gehabt habe. Wäsche von sechs Wochen, die sie in eine Waschanstalt gegeben hatte, holte sie aus Furcht nicht mehr ab. Ihr Vater, Siegfried Blatt, war von Tuttlingen nach Stuttgart gekommen und hatte einige Pakete mitgenommen, als sie erfahren hatte, dass sie in ein Lager kommen sollte. Drei Koffer hatten Else und Edith gepackt und mitgenommen, als sie die Mitteilung erhielten, dass sie und ihre Tochter sich auf dem Nordbahnhof in Stuttgart einfinden sollten. Man hatte ihnen gesagt, dass sie in ein Lager kämen. Die Koffer wurden ihnen gleich am Bahnhof abgenommen. Goldstücke hatte sie in die Kleidung genäht. „Man klammert sich am Schluss an Alles, doch hat es nichts geholfen“, kommentierte Isidor Kälbermann 1954 das Geschehen in einem Brief[ii]. Furchtbare Szenen hätten sich dann dort abgespielt, berichtete die Freundin Kathie.\r\n\r\n Else und Edith Kälbermann waren in dem ersten Deportationszug, der am 1. Dezember 1941 den Stuttgarter Nordbahnhof verließ und Riga zum Ziel hatte. Ein anderer Deportierter, Heinrich Rosenrauch,[iii] erklärte ebenso wie Selma Weil und Harry Kahn, dass die Else und Edith am 26. März 1942 mit 1700 weiteren Personen vom Lager Riga-Jungfernhof abtransportiert und in den Hochwald bei Riga gebracht wurden, wo sie erschossen wurden. Das Amtsgericht Stuttgart erklärte die beiden dann 1950 für tot.\r\n\r\n Isidor Kalbermann, wie er sich in Amerika nannte, versuchte nach dem Krieg den Verbleib seiner Frau zu klären, nahm Kontakt mit Kathie Hahn auf und stellte Wiedergutmachungsforderungen. Dabei entwarf er das Bild eines wohl geordneten Hausstandes mit Vermögen. Zusehends war die Familie enteignet worden, hatte Schmuck und Silberbesteck in der Pfandleihanstalt in Stuttgart abgeben müssen. Die wertvollen Möbel waren zurückgelassen worden und verschwunden. Das Konto der Familie bei der Deutschen Bank in Stuttgart war bereits am 14. Januar 1942 von dem Oberfinanzpräsidenten Württembergs eingezogen worden.\r\n  \r\n Ludwig, Dina und Werner Kälbermann\r\n Der jüngere Bruder Ludwig heiratete die 1906 in Vacha im Kreis Eisenach geborene Dina Schoen. 1933 kam der gemeinsame Sohn Werner auf die Welt.\r\n\r\n Die Familie des Bruders Ludwig liquidierte im März 1938 das Geschäft und verließ im April Tuttlingen mit dem Ziel USA. In den Passagierlisten findet sich ein Eintrag auf der President Harding für Ludwig, Dina und Werner Kälbermann. Ihr Ziel war der Ort Mount Vernon im Staate New York. Ludwig Kälbermann starb 1954 in Amerika.\r\n\r\n Siegfried und Rosalie Blatt\r\n Ebenfalls umgebracht wurden die Eltern von Else: Siegfried und Rosalie Blatt.\r\n Der Weinhändler war am 19. April 1875 in Jungenheim im Kreis Bingen geboren worden. Er heiratete die aus Wallerstädten im Kreis Großgerau stammende Rosalie Hirsch, die am 14. Juni 1882 dort geboren worden war. Sie gründeten gemeinsam eine florierende Weinhandlung und hatten zwei Kinder – Else und Paul. Der deutliche Druck auf die jüdische Einwohnerschaft in Groß-Gerau veranlasste sie 1937 zu ihren Tochter Else nach Tuttlingen zu ziehen. Sie wohnten mit ihnen im Gebäude Hermannstraße 23. Ihr eigenes repräsentatives Gebäude in Groß-Gerau mussten sie verkaufen, erhielten aber lediglich einen Bruchteil des vereinbarten Geldes nach Tuttlingen überwiesen. Auch ihr Sohn Paul lebte 1934 ein halbes Jahr in Tuttlingen, emigrierte dann aber nach Frankreich, wo er interniert wurde, aber fliehen konnte. Er lebte nach dem Krieg in Perpignan und vertrat von dort aus die Rückerstattungsansprüche seiner Familie.\r\n\r\n Siegfried und Rosalie Blatt lebten noch bis August 1942 in dem Haus in der Hermannstraße 23. Sie mussten an das Polizeiamt in Tuttlingen eine Schreibmaschine der Marke Adler, ein Blaupunkt-Radio und ein Wanderer-Damenfahrrad abliefern, das Polizeiinspektor Theodor Held abholte. Die drei Gegenstände hatten einen Wert von 1.350 RM. In ihrer Meldekartei steht der Vermerk, dass sie nach Baisingen verzogen sind. Dort wurde nach ihrer Deportation ihr zurückgelassener Hausstand versteigert und Bargeld beschlagnahmt. Alles zusammen hatte einen Gesamtwert von 9.956,36 RM. Hinzu kam Schmuck, der in die Pfandleihanstalt in Stuttgart gegeben worden war und Lebensversicherungen, die ohne Entgelt abgeliefert worden waren.\r\n\r\n Jedenfalls wurden sie über das Sammellager in Stuttgart mit dem Transport XIII, 1 ab dem Stuttgart Hauptbahnhof verschleppt und trafen am 23. August 1942 im KZ Theresienstadt ein um von dort weiter ins KZ Treblinka gebracht zu werden. Am 10. Oktober 1942 wurde Siegfried in Treblinka oder Minsk ermordet. Genauso erging es seiner Frau: auch sie wurde über das KZ Theresienstadt in das KZ Treblinka verschleppt und ist in Minsk verschollen. Am 15. September 1946 wurde sie für tot erklärt.\r\n\r\n Literatur:\r\n [i] ST A LB Fl 300 \u002F31 I Bü 14704\r\n [ii] ST A LB Fl 300 \u002F31 I Bü 14704\r\n [iii] ST A LB Fl 300 \u002F31 Iii Bü 1821",[8,14,19,24,29,34,39,44,49,53],{"original":9,"thumb":10,"caption":11,"width":12,"height":13},"https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002Fc551d9e4bbea5017ac09c11bf02b1714.jpg","https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002Fc551d9e4bbea5017ac09c11bf02b1714_thumb.jpg","Foto einer Kindergartenklasse, auf dem die ermordete Edith Kälbermann zu sehen ist.",1136,765,{"original":15,"thumb":16,"caption":17,"width":12,"height":18},"https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002F0f7a842796d200a529e3a2544370b20b.jpeg","https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002F0f7a842796d200a529e3a2544370b20b_thumb.jpeg","Stolpersteine Familie 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