[{"data":1,"prerenderedAt":-1},["ShallowReactive",2],{"place-5469":3,"supporters":48,"nearby-5469":56},{"id":4,"title":5,"text":6,"photos":7,"videos":24,"audio":25,"coords":26,"stones":29,"town":39},"5469","Bühler, Josefa","Erinnerungen von Petra Bergler-Fischer an ihre Urgroßmutter JOSEFA BÜHLER (1884-1940)\r\n\r\n„Die Urgroßmutter ist mir doch ein bisschen nähergekommen.\"\r\n\r\nAm Abend des 27. Januar 2021 rutschte meiner Mutter ein Satz heraus, der mich verstört hat. Sie hat Parkinson und ich versorge sie. Als ich sie wie üblich bettfertig gemacht habe, kam im Fernsehen die Vorschau auf die Dokumentation „Ohne Gnade“, in der es um die NS-„Euthanasie“ geht. Da sagt meine Mutter ganz unvermittelt: „Meine Großmutter war in Kaufbeuren und kam nicht mehr zurück.“ \r\nEs war für mich ein totaler Schock. Ich hatte davon gar nichts gewusst. Ich habe noch ein altes Familienstammbuch meiner Großmutter, da habe ich gleich nachgeschaut. Da ist nicht viel eingetragen, nur deren Hochzeit. Es stand da drin: Josefa Bühler, geborene Schuster, römisch-katholisch, Geburtsort Marxheim, Geburtsdatum 1. März 1884, Eheschließung am 1. Juli 1909 in Augsburg. Und dann stand drin: Letzter Wohnsitz „Grafeck“. Also nicht Grafeneck, sondern „Grafeck“. Dann habe ich über Grafeneck gelesen und war nur noch geschockt. \r\nGleich am nächsten Tag habe ich eine Anfrage an die Gedenkstätte Grafeneck geschickt. Eine Woche später hatte ich die Bestätigung, dass meine Urgroßmutter Josefa Bühler am 8. November 1940 nach Grafeneck gekommen war. \r\n\r\nLangzeitpatientin in Irsee \r\n\r\nIch habe im Bezirkskrankenhaus (BKH) Kaufbeuren angerufen. Dort gibt es keine Akte, aber eine Karteikarte. Da stehen die Eintritts- und Austrittsdaten drin. Zweimal war Josefa Bühler im Jahr 1917 in der Anstalt, vom 20. März bis 6. Mai und vom 22. Mai bis 5. August. Und dann nochmals vom 14. Mai 1920 bis zum 8. November 1940, „zahlungspflichtig LFV Schwaben, nächster Angehöriger Stefan Bühler, Augsburg“. Unter dem Datum 8.11.1940 steht „verlegt“. An dem Tag wurde die Urgroßmutter nach Grafeneck transportiert und daher ist es wohl auch ihr Todestag. \r\nAuf der Rückseite der Karteikarte steht: „Akt und Krankengeschichte in Berlin, Diagnose Schizophrenie.“ Ich habe sofort im Bundesarchiv in Berlin angefragt, aber die haben nichts gefunden. Ich habe mir gedacht, wenn sie zwanzig Jahre dort war, dass es Beurteilungen gab. Aber es ist nichts da. Ich habe dann noch erfahren, dass Josefa Bühler in Irsee war als Langzeitpatientin. \r\nIm BKH-Archiv Kaufbeuren sind noch fünf Briefe. Da runter ist ein Brief vom damaligen Direktor Faltlhauser an Stefan Bühler, den Sohn meiner Urgroßmutter. Offenbar hat der Sohn nachgefragt und Faltlhauser hat am 10. Dezember 1940 geschrieben, von wann bis wann die Urgroßmutter in Kaufbeuren war, dass es Schizophrenie war und dass er ihm leider sonst nichts mitteilen könne, weil die Akten nicht mehr zur Verfügung stünden. \r\nUnd dann gibt es noch einen handschriftlichen Brief vom 1. März 1941. Er stammt von Josefas Mann, von Johann Bühler, also von meinem Urgroßvater. Er schreibt, ihm sei vom Wohlfahrtsamt mitgeteilt worden, dass seine Frau gestorben ist, und er fragt nach einem Totenschein. Darauf hat Faltlhauser geantwortet, dass er keinen Totenschein ausstellen könne. \r\nIch weiß von meiner Mama, dass mein Urgroßvater Kesselheizer von Beruf und wohl alkoholkrank war. Es war sicherlich keine glückliche Ehe. Sie hatten fünf Kinder, von denen zwei früh gestorben sind. Von den anderen drei war die jüngste Maria, meine Großmutter. Ich habe sie noch gekannt. \r\n\r\nIch habe selber vier Kinder. Wenn man sich das alles versucht vorzustellen, dann denke ich, die Krankheit meiner Urgroßmutter war eine Folge dieser schwierigen Lebensumstände. Und nach der Geburt des fünften Kindes kamen vielleicht noch postnatale Depressionen dazu. Als sie 1917 zum ersten Mal in die Anstalt Kaufbeuren kam, war das jüngste Kind, Lothar, gerade sieben Monate alt. Und während sie in Kaufbeuren war, ist dieser Lothar gestorben. 1919 wurde meine Großmutter geboren. Ein Jahr später wurde meine Urgroßmutter endgültig eingewiesen. Ihre drei Kinder kamen ins Waisenhaus. Meine Großmutter war erst vierzehn Monate alt. Sie kam ins katholische Waisen- und Armenhaus in Augsburg. Leiterinnen waren damals die Armen Schulschwestern. Meine Mutter erinnert sich, dass ihre Mutter erzählt hat, dass sie von den Klosterschwestern im Waisenhaus oft sehr hart bestraft worden ist. \r\n\r\nVon Josefa Bühler gibt es kein Foto. Da habe ich gar nichts. Ich weiß überhaupt nicht, was meine Urgroßmutter als Kind gemacht hat, als junge Frau. Da ist leider nichts da. Das Problem ist, dass die Kinder alle in Waisenhäusern waren. Und sie selbst war ab 1920 nicht mehr da. Sie kam mit 36 Jahren nach Kaufbeuren. Was auch so schlimm ist, dass sie zwanzig Jahre in Kaufbeuren und Irsee war. Ich verstehe gar nicht, warum die Frau nicht mehr heimgekommen ist. Aber wie es ausschaut, hat keiner sich bemüht, sie aus der Heilanstalt zurückzuholen. Das ist alles so tragisch. \r\n\r\nDas geht in die nächste Generation \r\n\r\nNachdem meine Mutter die Geschichte erwähnt hat, habe ich sie immer wieder mit Fragen gelöchert und versucht, Informationen aus ihr rauszukriegen. Aber es ist nicht viel da. Sie ist 1942 geboren, da war ihre Großmutter schon zwei Jahre tot. \r\nIch habe als kleines Kind, wenn ich bei meinen Großeltern war, schon ein- oder zweimal die Worte Kaufbeuren und Irrenhaus aufgeschnappt. Das ist mir jetzt wieder in Erinnerung gekommen. Es ist ein Tabuthema gewesen in der Familie. Meine Mutter hat gesagt, es sei nie darüber geredet worden, weil Schamgefühl oder Angst herrschten. Wie auch immer, es sollte keiner erfahren. Von der Diagnose Schizophrenie muss meine Großmutter aber gewusst haben. \r\nSie ist ja selbst in diese Schublade gesteckt worden. Im Februar 1937, da war meine Großmutter knapp 18 Jahre alt, ist sie vom Gesundheitsamt begutachtet worden. In dem Bericht heißt es, eine Erbkrankheit im Sinne des Erbgesundheitsgesetzes finde sich keinesfalls bei ihr, aber sie sei als „erbbelastet“ anzusehen. Da steht, von einer Verehelichung werde dringend abgeraten. Falls bei ihr dennoch der Wunsch nach einer Ehe auftauche, müsse man erneut prüfen, ob die Bestimmungen nach dem Erbgesundheitsgesetz angewendet werden könnten. Das heißt: Es bestand die konkrete Gefahr, dass meine Großmutter zwangssterilisiert wird. Sie ist haarscharf an der Sterilisierung vorbeigeschrammt. Dann wären wir alle nicht da. \r\nWas mich ganz arg aufwühlt, wenn meine Mama erzählt, dass ihre Mutter so darunter gelitten hat, dass die eigene Mutter als angeblich „geisteskrank“ in der Anstalt eingeliefert war. Das geht in die nächste und übernächste Generation weiter. \r\nIch bin 1960 in Augsburg geboren und auch dort aufgewachsen. Wir haben im Gymnasium das „Dritte Reich“ durchgenommen, den Zweiten Weltkrieg. Ich habe die Schulbücher von 1974 noch. Da sind zwei Einzeiler drin im Geschichtsbuch über die „Euthanasie“. Das war damals kein Thema. \r\n\r\nNachdem ich die Wahrheit erfahren habe, habe ich viel gelesen. Das ist furchtbar. Ich habe überall hingeschrieben, ob es noch irgendwelche Unterlagen gibt. Aber sie haben alle keine Akten mehr. Es ist eine Tragödie, dass das so lange gedeckelt wurde. Dass es erst heute aufkommt, wo die Leute gestorben sind und keine Unterlagen mehr da sind. \r\nDas war ja auch die Strategie von den Nazis: Wenn die Menschen so beschämt und so ängstlich sind, dann haben die leichtes Spiel in ihrem Treiben. Dann hinterfragt das keiner, es wird nicht publik, dann kann man weitermachen wie gehabt. Weil die Leute Angst hatten, da kommt irgendwas raus, dass man angeblich geisteskrank ist oder dass man irgendwas in der Familie hat. Das hat denen ja in die Hände gespielt. \r\n\r\nTrauer, Schock und Wut\r\n\r\nDie Geschichte nimmt mich mit. Ich kannte die Urgroßmutter ja gar nicht. Aber ich versuche, mich in ihre Situation reinzuversetzen. Ich bin ja auch Mutter, und wenn ich mir vorstelle, ich werde eingewiesen und habe ein Kleinkind, das erst 14 Monate alt ist, und sehe das nicht mehr. Ich finde das alles nur noch grausam und schrecklich. Das ist schon belastend. Zu Trauer und Schock kommt bei mir die Wut. Dass all dieses Leid nicht anerkannt wurde. Dass die Politik das abgelehnt hat. Keine Würdigung, keine Entschädigung. Das macht mich so wütend, wenn ich dran denke. \r\nIch habe jetzt alle Stellen und Archive angefragt. Wenigstens habe ich ein paar wenige Dokumente gefunden. Aber so wie es aussieht, gibt es sonst keine Akten mehr. Was mir jetzt noch wichtig ist: Ich hätte gern den letzten freiwillig gewählten Wohnort der Urgroßmutter gewusst. Also die Adresse, von der sie im Mai 1920 nach Kaufbeuren kam. \r\nIch habe kein Bild von ihr gefunden, es ist kein Gesicht da. Aber es ist gut für das eigene Seelenheil. Die Urgroßmutter ist mir doch ein bisschen nähergekommen. Man kann nichts mehr ändern. Aber ich finde es ganz wichtig, dass man sich damit auseinandersetzt und die Verbrechen nicht vergisst. \r\n\r\nAufgezeichnet von Robert Domes \r\n\r\nAbbildungen\r\nAbb. 1: Auf einer Karteikarte sind die Ein- und Austrittsdaten für Josefa Bühler vermerkt. Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren\r\nAbb. 2: Johann Bühler, der wegen eines Totenscheines für seine verstorbene Frau nachfragt, wird vom Direktor der Kaufbeurer Heil- und Pflegeanstalt mit einem Standardschreiben abgespeist. Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren\r\nAbb. 3: Die Auskunft von Direktor Faltlhauser, dass ihm nicht bekannt sei, wohin die Patientin verlegt wurde, war eine glatte Lüge. Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren\r\n\r\nhttps:\u002F\u002Fanstalt-irsee.de\u002Fwp-content\u002Fuploads\u002F2025\u002F06\u002Fnamensflyer-josefa-buehler.pdf",[8,14,19],{"original":9,"thumb":10,"caption":11,"width":12,"height":13},"https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002F7322cd700601ae97d80fe798661726c4.jpg","https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002F7322cd700601ae97d80fe798661726c4_thumb.jpg","Auf einer Karteikarte sind die Ein- und Austrittsdaten für Josefa Bühler vermerkt. 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